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CANABBAIA
Samstag, 24. November 2007
 
Playboy oder Erotiktöter?
Zweifellos haben sie eine Vorstellung davon, was ein "Erotik-Töter" ist (obwohl der Begriff bei Google, in welcher Schreibweise auch immer, erstaunlich selten auftaucht: am häufigsten in einem Wort, aber selbst da derzeit nur drei Mal). (Scheint in diesem Falle etwas volksfern zu sein, der Wortschatz im Internet.)
Aber egal was Sie sich darunter vorstellen: für mich hat der Begriff "Erotiktöter" seit heute eine gänzlich andere Bedeutung.

Erotiktöter nämlich habe ich heute nachmittag in einem Bildband erspäht, als dessen "Autor" ein gewisser Hugh M. Hefner genannt wird.
Das Buch ist in einem deutschen Verlag erschienen (Schirmer/Mosel) und auch der Text - what little there is - ist deutsch, aber der Titel englisch: "Playboy - The Complete Centerfolds".
Der Inhalt ist eine geballte Ladung - Erotik glauben Sie?
Nein: Ich sage euch, dass es eine geballte Ladung Scheiße ist! Ästhetisch ebenso verarmt, wie jene grobschnitzigen Weihnachtsdekorationen, die seit einiger Zeit zunehmend den Markt beherrschen.

Diese endlose Parade von silly cones ist so sexy wie ein Haufen von Campbells Konservendosen (hab' ich heut' ebenfalls gesehen: auf dem Bild von Andy Warhol im Frankfurter Museum für Moderne Kunst; kostenloser Eintritt am letzten Samstag des Monats).

Vieles mag ich an der amerikanischen Kultur und Lebensart - aber müssen wir denn wie glasperlenglotzende Wilde unsere Buchläden (und unsere Vorstellungen) auch noch mit dem letzten Dreck von drüben drapieren?



Textstand vom 01.12.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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Dienstag, 20. November 2007
 
Danke!
Es gibt auf der Welt neben schusseligen zum Glück auch noch ehrliche Menschen. Und nicht nur ehrlich. Immerhin kostet es ja ein klein wenig Mühe und kostbare Zeit, eine Umhängetasche, welche ein Fahrgast in der U-Bahn vergessen hat, zum Fahrer nach vorn zu tragen, zu warten, bis der Zug hält, an die Tür der Fahrerkabine zu klopfen, ihm den Fundgegenstand zu übergeben und den Sachverhalt zu erläutern. Da ist die Versuchung groß, das Ding einfach stehen zu lassen, bis ein anderer sich drum kümmert – und es vielleicht mitgehen lässt.


Beladen mit Umhängetasche und Plastiktüte, vor allem aber mit Gedanken nach der Teilnahme an einem Gerichtstermin (beim Hessischen Landesarbeitsgericht in Frankfurt, im neuen Gebäude in der Gutleutstraße am Hauptbahnhof), entschied sich mein Unbewusstes, mir einen Teil der Lasten abzunehmen – und ließ mich die Umhängetasche beim Umsteigen am Willy-Brandt-Platz in der U-Bahn vergessen.

Den Verlust der Tasche selbst hätte ich noch verschmerzen können (ca. 15,- € - na ja, ist auch Geld ...); die wesentlichen Unterlagen zum Prozess hatte ich in der Plastiktüte transportiert. Kostspieliger wäre schon die Trennung von einem Merino-Wollpullovers gewesen; aber, weil von Aldi, noch kein finanzielles Debakel.
Hätte ich allerdings die Monatsmarke meines RMV-Jahresabonnements für den Monat Dezember (Kosten über 200,- €) erneut kaufen müssen, wäre meine Weihnachts(vor)freude schon deutlich überschattet worden.

Indes fand sich alles vollständig im Fundbüro der VGF (Stadtwerke Verkehrsgesellschaft Frankfurt am Main mbH) wieder und für eine äußerst moderate Fundgebühr von 1,50 € erhielt ich die Tasche zurück.

Gern hätte ich mich bei dem ehrlichen Finder, der sich die Mühe gemacht hat, die Tasche abzugeben, bedankt. Und das nicht nur mit einem warmen Händedruck. Doch der gute Mensch blieb anonym: „Von einem Fahrgast beim Fahrer abgegeben“ stand lediglich auf dem Fundzettel.

Dann bedanke ich mich halt auf diesem Wege öffentlich – und empfehle die gute Tat zur Nachahmung! Manchmal zahlt sich das sogar materiell aus.
Als ich vor langen Jahren morgens zwischen 6.00 h und 7.00 Uhr auf dem Weg zur Arbeit in der Nähe vom Holzhausenpark gut 200,- DM fand (die lagen in Scheinen und Münzen einfach so auf dem Bürgersteig herum – und das mitten in Frankfurt am Main!) trug ich sie sofort zur Polizeiwache (wo man mich etwas verwundert anschaute).
Nach einem Jahr bekam ich das fremde Geld zurück: ganz legal, weil sich der oder die Verlierer / Verliererin nicht gemeldet hatte. Abgezogen wurde eine Verwahrungsgebühr; das gute Gewissen gabs gratis dazu.


Um aber noch einmal auf meine Umhängetasche zurück zu kommen:
Das Frühstücksbrot da drin war natürlich nicht mehr genießbar!



Textstand vom 20.11.2007. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
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Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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Sonntag, 11. November 2007
 
Terror im Gartenhaus; Brot-Bombe beim Bio-Bäcker
Dort könnte ich Romane schreiben - wenn ich denn Romane schreiben könnte: in manchen Starbucks-Cafés, pardon: "Coffee-Houses". Zum Beispiel dem in Frankfurt a. M., gegenüber von der (und mit Blick auf die) ehemalige Wertpapierbörse, oder jenem in Darmstadt am Luisenplatz, ebenfalls im Raum im Obergeschoss. Da kann man sich in weichen Sesselpfühlen lümmeln und fläzen, könnte aber auch auf harten Stühlen hockend schreibend arbeiten. In diesen Räumen, die etwas Inspiratives haben, kann ich Behauptungen nachvollziehen, dass manche Wiener Schriftsteller und Intellektuelle ihre belletristischen und anderen Prosastücke im Caféhaus geschrieben haben.

Schon in einem früheren Blott hatte ich unter der Überschrift "OST MINUS WEST = NULL" die Starbucks-Läden und Qualität und Preis des regulären Kaffees gelobt [beiläufig auch vor den Preisen des restlichen Sortiments gewarnt] und zugleich eine patriotische Träne darüber vergossen, dass mein kulturloses Kulturvolk die alteuropäische Kaffeehauskultur nunmehr aus der Neuen Welt re-importieren muss. Nichtsdestotrotz bin ich immer wieder dankbar, wenn ich mich nicht in eines der deutschen Cafés hocken muss, wo man für teures Geld einen Fingerhut mit brauner Brühe von meist mieser Qualität vorgesetzt bekommt.
Auch am gestrigen Samstag versackten wir, nachdem wir uns auf Straßenpflaster, in Läden und Kaufhäusern die Hacken abgelaufen hatten, wieder einmal wohlig in den Sesseln der Darmstädter Starbucks-Filiale am Luisenplatz (die kalkulieren ganz genau, wohin sie ihre Coffee-Shops positionieren: dorthin nämlich, wo man sein Shopping erschöpft beendet hat).

Darmstadt: das Wort löst nicht unbedingt positive Assoziationen aus (vgl. meinen Blott "Kein Denkmal für Darmstadt"), aber langsam fängt manches in dieser Stadt an, mir zu gefallen. Und wir mussten ja schon deshalb hinfahren, weil die Schublade mit den ausgemusterten Büchern, welche ich bereits gelesen hatte oder mangels Interesse bzw. interessantem Inhalt niemals lesen würde sich schon wieder randvoll gefüllt hatte. Und diese Bücher wollte ich wiederum im Pretlackschen Gartenhaus in Darmstadt deponieren.

Regnerisch war es (deshalb keine Fotos von dem wunderbar herbstfarbenen Herrenpark! - nein: "Herrengarten" heißt der!) und kalt (diese Selbstbedienungs-Bibliothek ist nicht geheizt - weswegen wir auch ganz alleine dort waren und blieben). Mit klammen Händen durchsuchten wir die Regale, ob vielleicht etwas Brauchbares zum Mitnehmen dabei wäre. Im Großen und Ganzen sind es natürlich nicht die besten Bücher, welche dort als Bodensatz einer übersättigten Konsumgesellschaft deponiert werden. Bei den Sachbüchern viel Frauenliteratur und Beziehungsliteratur (vom Typ: "Wie stille ich richtig?", "Wie werde ich eine richtige Feministin?", "Partnerschaftsprobleme richtig lösen" usw.) machten einen großen Teil der Sachbuch-Sammlung aus, welche aber wiederum nur einen kleinen Teil des Gesamtbestandes darstellt, der, nicht überraschend, zum weitaus überwiegenden Teil aus Romanen besteht. Fremdsprachige Bücher, vorwiegend natürlich englischsprachige, gibt es gleichfalls in größerer Zahl: was hätte ich in meiner Jugend darum gegeben, so einfach an englischsprachige Literatur zu kommen! Eine Reihe Reisebücher findet man, darunter ein Italienbuch von Corona Berg. Zwei hat sie veröffentlicht: 1952 „Italienische Miniaturen“ und 1956 „Unter der Sonne Italiens“. Beide Italienbücher waren mir früher häufig in Antiquariatskatalogen begegnet; ich hatte sie indes wegen der in meinen Ohren ziemlich muffig klingenden Titel gemieden.

Welches der beiden Bücher hier abstand, weiß ich nicht mehr; gefreut habe ich mich aber, ein ausführliches Kapitel über den einstmals berühmten Badeort Bagni di Lucca (hier mehr ) zu finden, der heute wohl nur noch eine verschlafene Gemeinde ist, bzw. eine Art Samtgemeinde, die aus einer ganzen Reihe von Dörfern und Weilern besteht (auf der Webseite des "pro loco" oder Fremdenverkehrsvereins sind sie aufgezählt).
Die Webseite des "pro loco" erschien mir zunächst als das halbwegs "Offiziellste", was ich im Netz von der Gemeinde finden konnte (man fragt sich nur, für was die werben wollen, da Links z. B. zu Unterkünften fehlen). Aber dann stieß ich auf diese Seite, welche wohl die Homepage der Gemeinde ist (der Button "Home" führt allerdings ins Nichts, der Veranstaltungskalender ist aus dem Jahr 2005 und die Nachrichten enden im Mai 2006).

Einst kurten dort und hinterließen Beschreibungen ihrer Aufenthalte so herausragende Persönlichkeiten wie Michel de Montaigne ("Tagebuch der Reise nach Italien über die Schweiz und Deutschland von 1580 bis 1581") und Heinrich Heine. Dessen Buch "Die Bäder von Lucca" ist allerdings mehr eine literarische Polemik gegen August von Platen als eine Reiseschilderung.
(Heute kann man in Bagni di Lucca im globalen Dorf einen "holistischen" Urlaub machen - nun ja, oder besser: "holy cow!". Nein, nicht: "wholly cowsh." - wie kommen Sie denn darauf? Okkulte Plätze bzw. Aktivitäten gibt es in der Commune allerdings auch.)

"Corona Berg" ("Corona" klingt für mich ebenso antiquiert wie die Buchtitel; erinnert mich an "Corona Schröter") ist jedoch ein Pseudonym. Erst jetzt beim Abfassen dieses Blotts erfuhr ich den richtigen Namen (und die eigentliche berufliche Tätigkeit) der Autorin: Hanna Kronberger-Frentzen hieß sie, von 1887-1963 hat sie gelebt und war als wissenschaftliche Assistentin Spezialistin für Kunstgewerbe an der Kunsthalle in Mannheim. (Dank an die Stadtverwaltung, dass sie auf ihrer Webseite an diese Autorin erinnert.)

Jedenfalls habe ich das Buch dann doch wieder zurückgestellt, nachdem ich das informative Kapitel über die Bäder von Lucca (bis 1862, also noch zur Zeit von Heines Aufenthalt, hieß der Ort übrigens "Bagno a Corsena") durchgelesen hatte.


Schwelgend in literarischen Reminiszenzen an Italien habe ich doch glatt den Terror vergessen!

Der kam aus dem Sachbuchregal, in Gestalt einer Frau, d. h.: einer weiblichen Autorin.
Loretta Napoletani hat ein Buch verfasst u. d. T. "Die Ökonomie des Terrors. Auf den Spuren der Dollars hinter dem Terrorismus". So der Titel der deutschen Ausgabe, die 2004 erstmals bei der Antje Kunstmann GmbH München erschienen ist; ich fand die kartonierte Lizenz-Ausgabe von 2005 aus dem Frankfurter Verlag Zweitausendeins (der u. a. auch Verschwörungstheorien zum Angriff auf das World Trade Center vom 11. September 2001 publiziert).
Der englischsprachige Originaltitel lautet: "Modern Jihad. Tracing the Dollars behind the Terror Networks" (London 2003). Dieses Buch habe ich, als einziges, trotz meiner überfüllten Bücherregale daheim denn doch mitgenommen. Nicht dass der Terror im Zentrum meiner Leseinteressen stünde, aber die Lektüre des Kapitels 6 "Auf dem Weg zu einer neuen Welt-Unordnung" hat vertieft, was ja allgemein und auch mir schon immer bekannt war: dass die Amerikaner den Krieg der Muslime in Afghanistan gegen die Russen mitfinanziert und unterstützt haben. Nicht bekannt war mir, dass den Kämpfern selbst dieser Sachverhalt unbekannt gewesen sein soll (für die Führungselite kann ich das auch kaum glauben, für "Schütze Arsch im letzten Glied" natürlich schon). "Als die muslimischen Kämpfer nach dem Krieg entdeckten, dass die USA den antisowjetischen Dschihad für ihre Zwecke manipuliert hatten, fühlten sie sich gedemütigt. Und dieses Gefühl verstärkte den Hass gegen Amerika, den die bewaffneten islamistischen Gruppen schürten" (S. 151). So hatte ich die Sache noch gar nicht gesehen.

Von den verschiedenen Rezensionen der (ersten) deutschen Ausgabe, die ich auf die Schnelle finden konnte (vgl. bei buecher.de) ist die von Andreas Freytag in der FAZ vom 05.12.2005 publizierte die aufschlussreichste. Zitate daraus:
"Wer das Buch in die Hand nimmt und den Klappentext liest, ist zunächst enttäuscht. Dort wird doch tatsächlich postuliert, dies sei die erste ökonomische Analyse des "internationalen Terrorismus". Dies ist schlicht falsch, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens gibt es zahlreiche - und gelungene - ökonomische und politikwissenschaftliche Analysen über den internationalen Terrorismus, und zweitens ist das vorliegende Buch keine ökonomische Analyse im strengen Sinne.
Dennoch ist die Lektüre dieses Buches ein Gewinn. Die Verfasserin zeigt darin, daß der internationale Terrorismus keine schwärmerische Basis hat, daß ihm gerade kein Kulturkampf zugrunde liegt und daß er im Gegenteil maßgeblich auf geopolitische Strategien während der Zeit des Kalten Krieges zurückzuführen ist. Der Anerkennung wert ist außerdem, daß die Verfasserin kaum der Versuchung erliegt, Wertungen vorzunehmen - sei es gegen die Terroristen oder gegen deren Ziele. Sie hält sich überdies mit politischen Empfehlungen zur Terrorbekämpfung sehr zurück. Damit löst sie ihr Versprechen, eine Analyse zu bieten, annähernd ein. .........
Es wäre indes verfehlt, das Buch nur positiv zu sehen. Die Gliederung wirkt sprunghaft und enthält Dopplungen; allerdings muß man Napoleoni zugute halten, daß das Thema überaus komplex ist und oftmals Bezüge zu früheren oder späteren Abschnitten im Buch erfordert. Diese Schwäche ist somit verzeihlich wie auch die große Liebe zum Detail und die kleinen Geschichten zu Beginn eines jeden Kapitels. Die vielen Namen aber, mit denen der Leser dadurch konfrontiert wird, erleichtern den Zugang zum Thema nicht unbedingt. Außerdem wirken diese Anekdoten dem Anspruch, eine Analyse zu bieten, deutlich entgegen.
Schwerer jedoch schlagen die ökonomischen Mängel zu Buche. Die Verfasserin konfrontiert den Leser mit unglaublich vielen (sehr hohen) Zahlen über Finanzströme. Teilweise werden Milliarden und Millionen verwechselt, statistisch fundierte Belege finden sich kaum. Dies ist nicht verwunderlich, schließlich sind Statistiken über illegale Geschäfte naturgemäß nicht vorhanden. An dieser Stelle hätte es sich aber gelohnt, wenn Napoleoni die bereits erwähnten ökonomischen Studien zum Terror und besonders zur Geldwäsche in die Hand genommen hätte; nicht eine der zahlreichen Arbeiten findet Erwähnung."


Nun ja: da bin ich aber froh, dass ich für das Buch kein Geld bezahlt habe; den gleichen Eindruck wie Freytag hatte ich nämlich auch schon beim Durchblättern des Buches und beim Lesen des 6. Kapitels gewonnen. Naiv erschien mir etwa, dass die Autorin Revanchegelüste für Vietnam als Triebfeder für die klandestinen Afghanistan-Operation der CIA annimmt; das mag vielleicht in der öffentlichen Propaganda eine Rolle spielen, aber wohl kaum im kühlen diplomatischen Kalkül. An einer Schwächung der Sowjetunion war Amerika ohnehin gelegen, aber vielleicht haben die USA auch damals schon weitsichtig an mineralische Rohstoffe, insbesondere Erdöl gedacht, deren Lagerstätten-Länder sie von der UDSSR abspenstig machen wollten? Trotzdem gewährt mir das Buch vielleicht eine nützliche Tour d'horizon im Reiche des (islamistischen) Terrors.
Eine interessante Tour d'horizon war es jedenfalls, die verschiedenen Rezensionen zu vergleichen.

Einer der wenigen Rezensenten, die sich bemüht haben, in ihrer Besprechung etwas tiefer in die Qualitäten bzw. Mängel des Buches einzudringen, war Wolfgang Sofsky. Im Deutschlandfunk formuliert er gewissermaßen als Schlussbilanz seiner Buchbesprechung wie folgt:
"Diagnosen eines epochalen Widerstreits der Religionen oder Kulturen erklären den Terror aus gegensätzlichen Werten und Überzeugungen. Dagegen setzt Napoleoni den Antagonismus der Wirtschaftssysteme: hier der globale Kapitalismus westlicher Staaten und multinationaler Unternehmen, dort die Schattenwirtschaft islamistischer Kriegsherrn und Terrornetze, das Geflecht der bewaffneten Zellen und Vereine, der Moscheen und Banken, der Waffenschieber, Schmuggelbanden und Drogenkartelle. Auf der Suche nach Sinn und Zweck des Terrors greift die Autorin auf ein altbewährtes Deutungsschema zurück. Primär sei nicht die Religion oder die Politik, sondern die Ökonomie. Nicht Ideen, sondern Interessen, nicht Glaube und Macht, sondern Geld sei die letzte Triebkraft des Terrors. Dessen preiswerteste Waffe ist der Selbstmordattentäter. Er garantiert maximalen Schaden und optimale Propaganda bei minimalem Verlust. Aber kein Bombenleger und kein jubelnder Sympathisant hat bei diesem Gewaltakt jemals die Kosten mit dem Nutzen verrechnet. Terror ist mehr als ein Mittel zum Zweck. Er soll eine Gesellschaft durch Angst zermürben. Anders als der alte Terrorismus ist der heutige Terror weder durch politische Ziele noch durch ökonomische Kalküle begrenzt. Gewiss muss auch der Terrorkrieg finanziert werden. Aber die Ermittlung seiner Finanzquellen kann unmöglich darüber Aufschluss geben, ob die Schrecken dieses Krieges überhaupt einen Sinn haben."

Johanno Strasser in der Sueddeutschen Zeitung (Text hier bei buecher.de zugänglich) beschränkt sich weitestgehend auf eine Inhaltsangabe.

Thomas Pany dagegen bringt in 2 Aufsätzen bei "Telepolis" ("Auf der Jagd nach den Schätzen von Terror, Inc." und "Der Krieg ist unser Leben" ) immerhin hilfreiche Links zu ergänzenden Informationen.

So geben sich manche Rezensenten mehr, und manche weniger Mühe. Die FAZ ist zwar nicht meine Lieblingszeitung, steht aber hier wieder mal an der Spitze der Qualitätshierarchie.


Und die Brot-Bombe? Die war klein und handlich, ein kopierter DIN-A-4 Zettel, den man gefaltet in die Brusttasche des Hemdes stecken konnte. Er enthält ein von Margret Uhle geführtes Interview aus der Zeitschrift "Der Feinschmecker", einer alten Ausgabe (1/95, S. 71): "Klägliches Brot? Vor arglosem Genuss von Backwaren warnt der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer".
Schon seit langem ärgere ich mich über den Fraß, welchen die moderne Lebensmittelbranche (und darin keineswegs nur die Industrie - s. unten!) uns auf den Tisch pantscht. Nur ist man sich nie sicher: "Ist das jetzt lediglich mein persönliches Geschmacksempfinden, bin ich gar bloß konservativ, oder stimmt da objektiv etwas nicht?".
Von Pollmer (der gemeinsam mit anderen Autoren u. a. die Bücher "Krank durch gesunde Ernährung" und "Food-Design: Panschen erlaubt. Wie unsere Nahrung ihre Unschuld verliert" verfasst hat) finde ich vieles bestätigt, was ich schon immer ahnte:
Frage: "Woran erkennt man gutes Brot?"
Antwort: "Daran, dass man es über einen längeren Zeitraum gern essen mag. Die Bäcker klagen heute, dass der Kunde unstet ist, von Brot zu Brot springt. Das ist ein Beweis für schlechte Ware."
In der Tat gibt es gerade mal eine einzige Brotsorte, die ich (und nicht nur ich, sondern auch meine Frau) gern esse(n). (Welche wird nicht verraten: die ist nämlich immer schon nach wenigen Stunden ausverkauft.)
Unser Brot kaufen wir nicht beim Bäcker (wo ich allerdings jetzt in Allendorf bei einer Familienbäckerei ein wohlschmeckende Sorte entdeckt habe; aber das liegt etwas zu weit entfernt, um Brot zu kaufen). Bäcker-Brot ist nicht selten versalzen oder aus anderen Gründen wenig schmackhaft.
Sollte man eigentlich nicht glauben, schließlich predigt man uns doch ständig die Handwerker-Ideologie: "Hier läuft die Ware nicht vom Band / Hier wird geschafft mit Herz und Hand".
Beim Bäcker, und gerade beim kleinen, wird leider aber auch meist mit Backmischungen gearbeitet. Dazu Pollmer:
Frage: "Können die Großbäckereien überhaupt noch ohne Backmischungen auskommen?"
Antwort: "Die Frage stellt sich gar nicht allein zu Großbetrieben. Es scheint mir sogar, dass in den Brotfabriken insgesamt weniger Chemie verwendet wird als in den Bäckereien[!!]".
Frage: "Wie erklärt sich das?"
Antwort: "Backmischungen sind teuer. Sie sollen vor allem Unterschiede der technischen Ausrüstungen ausgleichen. Der hohe Preis hat auch dazu geführt, dass beim Roggenbrot in der Industrie wieder zunehmend mit natürlich angesetztem Sauerteig gearbeitet wird."
Wiedergegeben sei hier auch noch, was Pollmer über "Gesundheitsbrote" (die mich allerdings ohnehin noch nie interessiert haben) weiß:
Frage: "Was ist von sogenannten 'Gesundheitsbroten' zu halten, die durch Zusätze etwa von Apfelschalen die Darmperistaltik wieder auf Trab bringen sollen?"
Antwort: "Das ist eine gehobene Form von Abfallwirtschaft! Es gibt eine Fülle von Dingen, für die man sonst keine Verwertung mehr hat und daher verbackt. Zum Beispiel die ausgelaugten Rübenschnitzel der Zuckerindustrie."

Menschenhaar wird übrigens ebenfalls verarbeitet:
"Unter den Substanzen, die das Backgewerbe einsetzt, sind ein paar sehr kuriose. Zum Beispiel das L-Cystin. Das wird in aller Regel aus indischem oder chinesischem Menschenhaar gewonnen und sorgt für Maschinengängigkeit des Teiges und den typischen Brötchenduft." [Hervorhebung von mir] (s. aber jetzt unten!)

Nun ja, selbst das ist immerhin noch besser als wenn Sägemehl im Brot verbacken wird, wie im "Steckrübenwinter" 1916/1917, und natürlich auch zu anderen Hungerzeiten (weitere Infos dazu über die Google-Eingabe Brot Sägemehl). (Kurze, aber sehr detaillierte -und vermutlich präzise- Informationen über den deutschen Steckrübenwinter erhält man u. d. T. "The German Potato Famine" auf dieser englischsprachigen Webseite, welcher der Kartoffel und ihrer Geschichte gewidmet ist.)
Aber auch in Friedenszeiten wurde früher gepanscht und gestreckt (1. Abs.); so betrachtet, geht es uns heute trotz aller Zusatzstoffe wohl doch besser.
[Auch meinen Eltern wird es damals nicht gut gegangen sein; vgl. die mikrohistorische Darstellung der Lage in Bielefeld "12. September 1917: Kartoffeldebatte im Stadtparlament" von Bernd J. Wagner, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek]

(Weitere Links zu Pollmer: hier, da, dort, noch einer, eine Bio- und Bibliographie, Links zu Texten von ihm, ein Interview - das mag mal genügen. Leider finde ich nichts gleichwertiges direkt und ausschließlich zum Thema Brot wie den mir vorliegenden Zeitschriftenartikel).


Für DDR-Nostalgiker habe ich, auch wenn ich als Wessi die damaligen dortigen Lebensumstände nicht näher kenne, wenig Verständnis und noch weniger Sympathie. Beeindruckt haben mich indes die detaillierten Informationen auf der Speisekarte eines Restaurants, als ich in den 60ern oder Anfang der 70er Jahre mal "drüben" war. Einen Fruchtsaft wollte ich bestellen, und konnte auf der Karte alles Wissenswerte über dessen Nährwert usw. lesen. Wenn die Lebensmittelkennzeichnung auch sonst auf diesem Stand war, wäre das tatsächlich ein Pluspunkt für das kommunistische System gewesen.
Allerdings gab es ausschließlich Sanddornsaft im Angebot: brrrr, Orangensaft wäre mir, auch ohne Kennzeichnung der Inhaltsstoffe, deutlich lieber gewesen!
(Im übrigen wurde natürlich auch und gerade in der DDR der Konsument über's Ohr gehauen. So wurden z. B. für einfache Ausführungen von Verbrauchsgütern Preise niedrig angesetzt und subventioniert - aber diese Qualitäten wurden nicht in ausreichender Menge produziert, so dass die Konsumenten die zwar höherwertigen, aber dafür auch überproportional höherpreisigen Kategorien kaufen mussten.)


Fehlende Information der Käufer über gebrauchswichtige Eigenschaften einer Ware haben mich auch bei dem letzten und gewichtigsten Gegenstand geärgert, den wir aus Darmstadt heim schleppten und der auch der tiefere Anlass unseres Ausflugs in diese Stadt gewesen war: ein großer Koffer, ein "Trolley XL" mit 4 Rädern der Fa. Stratic nämlich, "Quattro" genannt, mit einem Volumen von ca. 116 Litern und einem Gewicht von etwa 5,30 kg.

Diese Serie wird auf der Firmenwebseite nicht mehr angeboten und offenbar weil es ein Auslaufmodell ist, hatten wir es bei Karstadt in Fulda reduziert gesehen. Von 159,- auf 119,- €: das war mir aber zu teuer. Hier nun bei der Karstadt-Filiale im Darmstädter Louisen-Center war der Preis nochmals reduziert worden: exakt auf 99,- €!
Ohne dramatischen Knoten ging der Kauf freilich nicht über die Bühne. Ich hatte den Koffer nicht sofort gekauft, sondern wir schauten zunächst noch anderswo andere Sachen an. Als wir endlich zurück kamen, war ein asiatisches Pärchen gerade dabei, "unseren" Koffer zu begutachten! Wir lauerten in der Nähe, beschäftigten uns zerstreut mit anderen Koffern - bis die beiden das Ding endlich wieder abstellten!
(Ein potentiell dramatischeres Ereignis stieß mir beim Transport des -leeren- Koffers zu: am Darmstädter Bahnhof wollte ich vor einer herannahenden Straßenbahn die Straße überqueren - und legte mich hin. Zum Glück nicht vor die Straßenbahn; zum Pech jedoch auf den Koffer, der damit schon die ersten kräftigen Schrammen und Dellen hat, meinen Sturz aber immerhin gebrauchsfähig überstand.)

Eine dreijährige Garantie gibt es, groß beworben, beim Kleingedruckten aber eingeschränkt auf Verarbeitung! Was nützt mir das? Muss ich einen Verarbeitungsfehler nachweisen, wenn die Räder kaputt gehen? Denn ausdrücklich heißt es: "Keine Garantie bei Überbelastung des Gepäckstückes". Rätselhaft ist, wie ich eine Überlastung ermitteln könnte: jegliche Angabe über die zulässige Belastung fehlt hier nämlich ebenso wie bei allen anderen Koffern auch, die ich mir näher angeschaut habe! Das ärgert mich - bei diesem Koffer und überhaupt. Allerdings dürften die Firmen schlechte Karten haben, wenn sie bei einem evtl. Rechtsstreit eine fehlerhafte Handhabung durch Überlastung einwenden sollten. Ich hoffe sehr, Leute mit gebrochenen Gepäckrollen verklagen die Hersteller so lange, bis es für die kostengünstiger wird, endlich Angaben über die Tragfähigkeit ihrer Produkte zu machen!
Ebenso unbefriedigend ist das Fehlen einer Angabe über die Regenfestigkeit des Materials (Nylon) und, zwar nicht hier, aber oft bei anderen Anbietern, die fehlende Volumenangabe.

Der kommunikative Umgang der Verbrauchsgüterhersteller mit ihren Kunden lässt also weiterhin viele Wünsche offen - und die Produktqualität ebenfalls. Häufig sind wir Verbraucher selbst daran natürlich nicht ganz unschuldig: wir kaufen das billigere Produkt. Warum aber die Produzenten besser Qualitäten diese nicht detailliert beschreiben und damit werben (z. B. "Tragfähigkeit unseres Gepäckstückes 30 kg, der Konkurrenz-Koffer knickt bei 20 kg ein" - vergleichende Werbung ist ja erlaubt -), wird mir ewig ein Rätsel bleiben.


Nachtrag 12.11.2007:
Es wäre an der Zeit, dass irgend ein kluger Karl Machs mal ein kommunitaristisches Manifest der Verbraucher verfasst:
"Verbraucher aller Länder, vereinigt euch! Ihr habt nichts zu verlieren als euere Unwissenheit über das, was euch die Industrie andreht!"


Nachtrag 12.11.07 - einige Links zum Brot:

Wikipedia-Eintrag (dort weitere Verweise). Schweizer Brotgeschichte. Ausführlicher schweizer Text über Brotzubereitung und Geschichte des Brotes. Auf der Webseite eines Bäckers gibt es recht ausführliche Informationen über Geschichte, Rohstoffe und Zusatzstoffe. "Fachbroschüren" kann man beim Backmittelinstitut e. V. herunterladen. In Ulm existiert ein "Museum der Brotkultur" und wer über Brot diskutieren will, ist wahrscheinlich im "Sauerteig-Forum" gut aufgehoben.


Nachtrag 21.12.07, weitere Brot-Infos:
War wohl nix mit Brötchenduft aus Menschenhaaren. Mario Richter, Osnabrück, verneint in der Zeit 20/2001 (überzeugend) die Frage: "Stimmt es, dass das typische Aroma eines Brötchens ursprünglich aus dem Haar von Chinesen gewonnen wurde?". Aber schon in der "Zeit" Nr. 15/1995 hatte Dr. Hans Pfeiffer, Haan, geschrieben:
"Was der Autor meint, ist vermutlich die Aminosäure Cystein, die Bestandteil nahezu aller Eiweißverbindungen ist und besonders reichlich im Haar vorkommt. Von einer Herstellung aus Menschenhaar kann aber keine Rede sein. Cystein wird mitunter als Reduktionsmittel zur Erweichung des Kleberanteils des Mehls eingesetzt, aber nicht zur Brot- oder Brötchenherstellung und schon gar nicht zur Beeinflussung des Aromas. Das Aroma von Brötchen entwickelt sich durch die Fermentationstätigkeit der Hefe und den anschließenden Backprozeß. Durch Cystein würde das Aroma eher negativ beeinflußt. Ganz zu schweigen davon, daß diese Aminosäure das "Aufgehen" des Brötchens behindern würde".

[Iss also nix mit Frühstück im Stil des Duca di Centigloria. Erstaunlich übrigens, dass ein derartiger Tabubruch wie dessen Roman "Ich fraß die weiße Chinesin" lediglich 123 Google-Treffer generiert und dass das Buch anscheinend auch nicht übersetzt wurde ("Duca di Centigloria" nur 27 Treffer). Die "Geschichte der O" bringt es auf fast 67.000 Treffer (als "story of O" sogar 317000 und als "histoire d'O" 165.000. Anthropophagie ist halt doch ein allzu unappetitliches Thema , während die S/M-Literatur zumindest seit dem Werk des Marquis Sade und von Guillaume Appolinaires "Die elftausend Ruten" eine altehrwürdige Tradition hat. Auch der Text der Fronleichnamsliturgie ist übrigens, wollte man ihn wörtlich nehmen, wenig schmackhaft (ich habe ihn mal aus dem Mund des damaligen Erzbischofs Dyba gehört, als wir in Fulda zufällig in die Fronleichnamsmesse vor dem Dom gerieten; vgl. z. B. auch hier oder da) Solche Gedanken sind natürlich weit entfernt, wenn man etwa Bilder von "Le Infiorate di Spello" sieht, jenem berühmten Blumenteppich, der zum Fronleichnamsfest in der italienischen Stadt Spello (wie auch in anderen Orten) ausgelegt wird.
Ich selbst war übrigens der 'weißen Chinesin' vor langen Jahren mal in einem Buchantiquariat begegnet und hatte (ziemlich geschockt) darin gelesen. Soweit ich mich noch an den Text erinnere, war er letztlich auch nicht unappetitlicher als z. B. Lebensbeschreibungen des Gilles de Rais oder er Erzsébet (Elisabeth) Báthory oder eine 'snuff-story'. Nur verstößt er eben nicht nur gegen das Fünfte Gebot, sondern noch ein weiteres Tabu, und dies ist derart fundamental, dass es die Bibel nicht einmal als Verbot auflisten musste.]

Doch zurück zum Brot: Noch nicht gelesen habe ich einen Text von Harald Lemke: "GEBT UNS UNSER TÄGLICH SYMBOLBROT. Wahrheiten zur gegenwärtigen Brotkultur".




Nachtrag 25.11.07:
Auf merkwürdigen Wegen (nämlich bei der Rückverfolgung eines Zugriffs mit den Suchbegriffen "badenweiler" und "badehose" auf meinen Blog) gelangte ich auf die Webseite des Reisebücher-Verlages "Oase" (die juristisch präzise Firmenbezeichnung, welchen uns die Verlags-Homepage leider verheimlicht, lautet wohl "Oase Verlag Wolfgang Abel, Cornelia Stauch OHG") und bei den dort abgedruckten "Badische Zeitung-Kolumnen" von Wolfgang Abel zu dem köstlichen Kulinar-Kommentar "Textura auf Dokumenta", mit dem vielsagenden Untertitel "Gel, Schaum und Butterbrot - neue Küchentrends und alte Werte". Der Autor mokiert sich dort (zu Recht) darüber, dass die Kochkunst nun auch schon die Kasseler Dokumenta (wo wir bei unserem Besuch diesen Teil freilich nicht besichtigt haben) infiltriert hat. In einer auch sprachlich brillanten Kritik rügt Abel die "bizarre Überkulinarisierung des öffentlichen Lebens". Und fährt fort:
"Zum allgegenwärtigen Kochen und Spritzen würde am ehesten ein Klassiker aus der Grundschule des Benehmens passen: 'Mit vollem Mund redet man nicht.' Nur, wer
möchte sich heute noch benehmen? Und wer kümmert sich eigentlich, abseits von medientauglicher Hyperkulinarik, um die Basisversorgung, die bis heute erschreckend dürftig bleibt. ... Zum Beispiel Brot: ... [Es] sei daran erinnert, dass eine gute Brotkrume auch etwas mit molekularer Verwandlung tun hat, beim Kleingebäck ist das Zusammenspiel von Kruste, Elastizität und Weichheit erst recht entscheidend. Leider bekommt man, vom Backshop bis Gourmetre-Molekularküche, heute mehrheitlich brotähnliche Produkte vorgesetzt, deren Textur an geschäumte Pappe erinnert. Die kulinarische Debatte hat die Basis guten Essens schlicht aus den Augen verloren. Ein nach handwerklicher Tradition gebackenes Wasserbrötchen ist heute schwieriger zu bekommen als eine Kreation von viererlei Schäumen. ... Mit Steinofenbrot und Landbutter kommt aber keiner auf die Dokumenta. Auf deren Buffets wird es diese bleichen Häppchen geben, deren Textur sich im Laufe des Abends in Richtung Waschlappen verwandelt. Und alle werden zugreifen. Davon steht aber nichts im 'Feinschmecker'."
[Hervorhebungen von mir]
Die von Abel gegeißelten "Überkulinarisierung" war mir erstmalig voll bewusst geworden bei der Lektüre einiger jüngerer Merian-Ausgaben und anderer Reise-Magazine; in letzter Zeit auch bei Städteprospekten usw. Ansonsten ist sie, da ich schon seit Jahren aus Zeitmangel nicht mehr fernsehe, großenteils an mir vorbei gegangen.


Nachtrag 29.01.08:
Wenn Ihnen das Bäckerbrot nicht mehr schmeckt - einfach selber backen! "Brotbacken nach alter (sizilianischer) Art" kann man bei "Cosmea49" lernen. Und wem das Backen zu mühsam ist, oder wer keinen Holzofen dafür hat - der sättige sich an den schönen Bildern. (Ähnlich musste sich einst ja auch Till Eulenspiegel im Gasthaus am bloßen Geruch eines Bratens sättigen ).


Nachtrag 1.2.08:
Staun: Auch in Wiesloch gibt es (natürlich in einem bescheideneren Rahmen) Bücher gratis: Vgl. den Artikel "Freie Bücher in Wiesloch" vom 01.11.2007 in dem Weblog KurpfalzNotizen.
... und in Rauenberg auch (Dank an Frau Stindl von de Bürgerstiftung Wiesloch für den Hinweis!).
(In Rauenberg stehen die Bücher übrigens trockener als in Wiesloch.)


Nachtrag 03.05.08:
Wenn Günther Wallraf Brötchen backt, ist das bestimmt interessant. Wg. Zeitmangel muss ich mir leider die Lektüre seines Zeit-Berichts "Unser täglich Brötchen" versagen. Bzw. ich delegiere diese Arbeit einfach - an Sie!


Nachtrag 04.05.2010
Zufällig stieß ich heute auf einen (sehr ausführlichen und bebilderten) Bericht über eine zur "Bücherzelle" ausgebaute ausrangierte Telefonzelle in Magdeburg. Das Prinzip ist ähnlich wie im Pretlackschen Gartenhaus in Darmstadt, nur wird hier der Tausch zur Pflicht gemacht (aber wohl kaum kontrolliert):
"Das Konzept der Bücherzelle ist so originell wie einfach: Jeder darf ein oder mehrere Bücher aus der Bücherzelle mitnehmen. Einzige Bedingung ist, dass jeder Nutzer ebenso viele Bücher wieder einstellt."


Nachträge 22.01.2012

Zum Thema gutes (traditionell gebackenes) Brot vgl. auch das ZEIT-Interview "Nachhaltiges Backen Gut Brot will Weile haben" vom 19.10.2011 über einen Verein "Die Bäcker. Zeit für Geschmack e.V." Von deren Mitgliedsbäckereien würde ich gern mal ein Brot probieren, denn ich muss leider sagen, dass ich seit dem Paderborner Landbrot meiner Kindheit nur noch ganz selten ein schmackhaftes Brot bekommen habe. Aber, wie ein Blick auf die Landkarte der Mitglieder zeigt, gibt es in unserer Gegend keinen.

Dafür haben in Wien gleich mehrere Edelbäckereien eröffnet: Vgl. ZEIT-Artikel "Bäckerhandwerk. Mehr als nur klägliches Brot" vom 30.12.2011 .







Textstand vom 22.01.2012. Auf meiner Webseite
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Freitag, 9. November 2007
 
Recycling-Rechnung
In einem Interview in der aktuellen Ausgabe (S. 45) der (in den Bahnhöfen kostenlos ausliegenden, und übrigens sehr interessanten) Bahn-Zeitschrift "Mobil" (also Nr. 11/2007) gab der Deutschland-Chef der Fa. Tetra Pak auch Auskunft über die Recycling-Quote von Getränkekartons. Davon werden offenbar (nur oder immerhin - das kann man unterschiedlich beurteilen) 65% recycelt.

Er hatte wohl Angst, dass die Öffentlichkeit diese Quote als zu gering bewertet. Drum hat der Herr Dr. Alfred Zopf die Information flugs so umverpackt, dass für mathematische Analphabeten unter dem Strich eine hundertprozentige Recyclingquote rauskommt.
Auf die Frage "Wie hoch ist die Recyclingquote von Getränkekartons in Deutschland?" antwortete er:
"65 Prozent aller in Deutschland in Umlauf gebrachten Getränkekartons werden zu 100 Prozent wiederverwertet."



Textstand vom 01.01.2008. Auf meiner Webseite
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Donnerstag, 8. November 2007
 
Da legste dich vor Lachen flach: FDP-"Sensation" in Wächtersbach!
"05.11.2007 Wahl von Martin Hußmann zum neuen Bürgermeister in Bad Schwalbach – Platz 2 in Wächtersbach mit Michael Peschek" heißt es auf der Webseite der FDP Hessen.

FDP Platz 2? Nicht schlecht - sonst sind die doch immer erst 3. oder 4. Sieger?
Allerdings: Außer dem langjährigen Amtsinhaber Rainer Krätschmer (SPD) und eben dem FDP-Kandidaten (der sich freilich auf den Wahlplakaten als solcher nicht zu erkennen gab und mit Wischi-Waschi-Wahlkampfparolen für Familie, Sicherheit und Wachtstum warb) war niemand angetreten. Bei nur -2- Kandidaten ist es jedoch verdammt schwer, nicht der 2. Sieger zu sein.

Macht nichts: "Der FDP-Landeschef zeigte sich auch sehr zufrieden, dass mit Michael Peschek in Wächtersbach der zweite angetretene FDP-Kandidat sensationelle 26,8 Prozent bei der Bürgermeisterwahl errungen hat." [Hervorhebungen von mir]

Recht hat er, das Ergebnis ist in der Tat sensationell: eine sensationelle Niederlage für das doppelte U-Boot der Freien Demokraten. U-Boot war er zum Ersten, weil Peschek nicht die blau-gelben Flagge gehisst hatte (auf den Plakaten; auf seiner Webseite bezeichnet er sich einerseits sogar ausdrücklich als "unabhängiger Bürgermeisterkandidat", lässt jedoch die Unterstützung durch FDP und CDU deutlich erkennen - aber welcher Wähler liest die?), und zum Zweiten, weil er mit "Familie" und "Sicherheit" typische CDU-Themen gekapert hatte. Allerdings dürfte ihn die CDU im Stillen mit getragen haben, dafür hat er ihr - ebenso wie der FDP - auch ein Link-Denkmal auf seiner Webseite gesetzt. (In der Tat: die Christenunion hat ihn mitgetragen!) Die (für die Liberalen) traurige Wahrheit erfahren wir in der FAZ Regionalausgabe:
"Der 62 Jahre alte Sozialdemokrat Rainer Krätschmer bleibt Bürgermeister von Wächtersbach im Main-Kinzig-Kreis. Der favorisierte Amtsinhaber erhielt gestern 73,2 Prozent der gültigen Stimmen. Sein 40 Jahre alter Herausforderer, der Liberale Michael Peschek, kam auf 26,8 Prozent.Damit steigerte Krätschmer sein Ergebnis von vor sechs Jahren, als er den CDU-Politiker Peter Tauber schlug, nochmals um mehr als zehn Prozentpunkte. Die Wahlbeteiligung lag bei 54,9 Prozent." [Hervorhebung von mir]
Sensationell ist das, fürwahr!

Das Ergebnis der Bürgermeisterwahl ist für Peschek um so miserabler, als der Mann gut aussieht (auf den briefmarkengroßen Fotos in seiner Webseite kommt das weniger zur Geltung als in den Wahlplakaten, aber hier beim Pfarrfest kommt er besser raus), weitaus jünger ist als der Amtsinhaber und sein Porträtphoto den Eindruck einer dynamischen Persönlichkeit macht. Als CDU-Kandidat hätte er vermutlich deutlich mehr Stimmen bekommen (als offener FDP-Kandidat freilich noch weniger). Interessante Frage, ob der Frauenanteil bei seinen Wahlstimmen deutlich höher war als bei Krätschmer?

A propos Frauen: meine Frau hat mich dran erinnert, dass ich wählen sollte - indem sie eine Rose vom Rainer auf den Tisch gestellt hat. Die Rose hatte ihr allerdings der Rainer nicht direkt geschenkt (wer weiß - da wäre womöglich der kleine Sizilianer in mir zum Vorschein gekommen?), sondern die hatte ich erhalten in einem Filialladen dessen Namen ich verschweige, um den Verkäuferinnen, die sicherlich auf eigene Initiative gehandelt haben, keinen Ärger mit ihrer Regionalleitung einzuhandeln.
"Möchten Sie eine Rose von Rainer Krätschmer?"
"Hm - na ja, kann ich ja meiner Frau schenken."
"Ja genau, entfernen Sie einfach den Anhänger."
Das habe ich aber doch nicht getan, und so kam Rainer mit noch einer Stimme mehr zu seinem fast Ostblock-artigen Wahlresultat.

Interessant ist, dass auch der Liberale Staatsknete verteilen will:
"Eine Beteiligung der öffentliche[n] Hand bei einem Sanierungskonzept, das besonders Raum für die Bürgerinnen und Bürger im und um das Schloss herum schafft, muss im vertretbaren Rahmen geprüft werden."
Aber natürlich Steuern für seine Unternehmergenossen senken:
"Ein[en] zusätzlichen[r] Impuls durch die Stadt und ihr Handeln – beispielsweise durch eine Senkung der Gewerbesteuer – sei nicht zu erkennen."

Niemand, der seine Wirtschaftsförderungs-Forderungen liest, würde auf den Gedanken kommen, dass Peschek Umwelt- und Biotechnologie studiert hat. Die Vorlesungen über "Carrying capacity" muss er jedenfalls verschlafen haben.
"Overpopulation"? [Das deutschsprachige Äquivalent "Überbevölkerung" zu dem englischsprachigen Wikipedia-Eintrag ist deutlich dünner.] So etwas gibt es vielleicht in Afrika, aber doch nicht bei uns? Immer fleißig weiter hochschwingen - bis wir vom Reck runterplumpsen - während die Spritpreise zum Ausgleich in die Höhe schnellen.
Nicht, dass die anderen einsichtiger wären. Nur hätte ich von einem biologisch beschlagenen Menschen eine tiefere Einsicht in die Risiken unserer Wachstumswirtschaft erwartet. Ehrlich!)



Ein gewisser "0ö0.de" (theoretisch könnte es auch eine Frau sein, aber die bloggen doch deutlich seltener), anscheinend aus Wächtersbach, hat auf seinem Blog eine interessante Analyse der verschiedenen politischen Webseiten aus Wächtersbach eingestellt (und, für wen immer es interessieren mag, auch die Links dazu eingetragen).
Weniger sympathisch ist allerdings, dass dieser Blogger anonym auftritt. (Und übrigens auch einer von denjenigen Herrenhausbewohnern ist, die Kommentare nur nach Passieren einer Sicherheitsschleuse zulassen (ohne das natürlich vorher anzukündigen):
"Cangrande Says: Your comment is awaiting moderation.
November 8th, 2007 at 9:41 pm
Eine interessante Analyse. Ich würde mir allerdings wünschen, dass die hinter diesem Blog stehende Person sich outen und ihre Kritik nicht anonym posten würde
."
Nachtrag 09.11.07: Der Kommentar ist trotz des Hinweises "awaiting moderation" lesbar - ???



Textstand vom 09.11.2007. Auf meiner Webseite
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Blog-Etikette: Gegen Vor-Zensur der Leser-Kommentare! (Und auch eine Nach-Zensur sollte die Ausnahme bilden!)
Blog-Einträge (ich nenne sie Blotts) sollten im Idealfalle keine Monologe sein. Der Begriff selbst suggeriert zwar, wenn man ihn aus „Logbuch“ ableitet, einen eher tagebuchartigen Charakter eines Blog. Aber die Einträge in Blogs mit einer großen Leserzahl werden nicht nur häufig von anderen Bloggern zitiert, sondern oft auch im Anhang zum jeweiligen Blott kommentiert und manchmal sogar, ähnlich wie in einem Forum, diskutiert.

Da wird es immer mal, ähnlich wie bei z. B. zu meinem Blott Vom Friedhof der unverweslichen Leichen zum Satanswerk der Säuglingstaufe", unerfreuliche Kommentare geben. Abhängig von Thema, (politischer usw.) Stellung der Blogger und anderen Umständen können das auch Angriffe oder Beleidigungen sein. Oft werden die Einträge auch einen werbenden Charakter haben: Werbung kommerzieller Art oder einfach der Versuch, die Leser auf die Webseite oder die Blogs der Kommentierenden hinzuweisen.

In Einzelfällen wird ein Blogmaster oder eine Blogmasterin Äußerungen schon aus juristischen Gründen (z. B. Beleidigung Dritter oder politische bzw. geschichtsbezogene Falschbehauptungen, welche unsere wehrhafte Demokratie unter Strafandrohungen verboten hat) löschen müssen.

In aller Regel sind Kommentare jedoch positiv zu sehen, weil sie ein über die bloße Lektüre eines Blotts hinaus gehendes Interesse an dem jeweiligen Eintrag bzw. an dem angeschnitten Thema dokumentieren. Für die Blogger und für andere Leser können sie sogar von Nutzen sein, beispielsweise wenn sie weiter gehende Informationen und/oder Links enthalten. Ich sehe keinen vernünftigen Grund, warum man als Blog-Master nicht eine größtmögliche Bandbreite von positiven und negativen Stellungnahmen tolerieren sollte und das selbst dann, wenn sie im Einzelfall zum jeweiligen Blott unpassend erscheinen mögen. Wer einsteckt, sollte auch austeilen können; idiotische Kommentare richten sich ohnehin selbst.
„Kommentare“ die automatisch eingetragenen werden und lediglich eine kommerzielle Werbung darstellen, kann man zumindest bei guten (wenn nicht sogar bei allen?) Blog-Providern abblocken. Sofern man die entsprechende Funktion für den eigenen Blog aktiviert, erscheint beim Öffnen der Kommentarfunktion u. a. ein Verifikationsfeld, in welches Kommentatoren einige Symbole einzutragen müssen, die in einem weiteren speziellen Feld vorgeblendet werden und sich bei jedem Öffnen ändern. Auf diese Weise ist garantiert, dass der Kommentar von einem Menschen eingetragen wurde, nicht etwa von einem „bot“.

Leider scheint es sich nun aber zunehmend einzubürgern, dass Blogger Kommentare erst nach vorheriger Prüfung freigeben, dass also der eingegebene Kommentartext nicht sofort erscheint.

Grundsätzlich finde ich es zwar durchaus sinnvoll, wenn die Blog-Provider eine solche Einstellung als Optionsmöglichkeit vorgeben. Ich kann mir auch einige (wenige) Fälle vorstellen, bei denen die Auswahl dieser Option durch die Blog-Master notwendig ist, etwa bei Politikern.
Beim normalen Blogger sehe ich allerdings (aus der Sicht des Kommentators) diese „Vorzensur“ als eine grobe Unhöflichkeit an. Oder, um es noch etwas deutlicher zu sagen: ich halte es für unverschämt und für noch unverschämter dann, wenn (wie es wohl die Regel ist) vor Absenden des Kommentars nicht einmal ein Hinweis erfolgt, dass der Kommentar erst nach Prüfung durch den Blogger freigegeben wird.

Nachdem ich selbst einigen derartigen Fällen begegnet bin ist diese Sachlage für mich ein Grund, zukünftig überhaupt keine Kommentare bei anderen Blogs mehr einzustellen. Allenfalls dann, wenn ich weiß oder erkennen kann, dass Einträge sofort veröffentlicht werden, werde ich noch Blog-Einträge kommentieren. (Hier bei meinem Provider „Blogspot“ habe ich bereits Hinweise auf die Vorab-Kontrolle der Kommentare durch die Blogger gesehen. Ich weiß allerdings nicht, ob derartige Hinweise durchgängig erfolgen, d. h. ob man beim Fehlen solcher Hinweise davon ausgehen kann, dass der Text sofort eingestellt wird).

Es ist ärgerlich, wenn man mit Mühe u. U. einen längeren Text geschrieben hat und dieser vielleicht nicht einmal veröffentlich wird. Der Kommentierende weiß ja auch nicht, was dahinter steckt: wurde der Kommentar gelöscht und ggf. weshalb; ist der Blogger in Urlaub, hat er einfach die Lust verloren und schaut die E-Mails aus seinem Blog gar nicht mehr an? Wer wirft schon gern sein Geschriebenes sofort in den Papierkorb; wer will sich ständig nach gewissen Zeiträumen vergewissern, ob der Kommentar mittlerweile doch online ist oder noch immer nicht?

Die Mühe muss ein Blogger sich schon machen, die Kommentare zu seinen Blotts zu lesen. Löschen kann er sie dann ja immer noch. In der Vorab-Kontrolle sehe ich aber (beim normalen Blogger) eine Missachtung der kommentierenden Leser, die Demonstration einer „Herr-im-Haus-Stellung“, die man tatsächlich natürlich hat (indem man Einträge ex post löschen kann), die man aber doch nicht gleich an der Tür zum Fenster raushängen muss?
Kommentatoren werden damit in gewisser Weise unter Vorab-Verdacht gestellt, und woher soll der Kommentierende wissen, wo ein Blogger die Grenzen zieht? Die Versuchung, kritische Stimmen schon per se nicht zuzulassen, liegt auf der Hand.
Mit dem nachträglichen Löschen von bereits online gegangenen Kommentaren sieht es anders aus: das erfordert eine Aktivität des Bloggers, die er sich spart, wenn er einen Kommentar stehen lässt. Und der Leser kann sich in diesen Fällen seinen Reim machen, wenn er feststellen bzw. den Eindruck gewinnen muss, dass sein Beitrag nur deshalb gelöscht wurde, weil er zur Meinung des Blog-Masters konträr ist, oder weil er Fehler berichtigt usw. Und das wiederum wird ein Blogger dann doch zu vermeiden suchen.


Wer vorab kontrollieren will, welche Kommentar er zulässt und welche nicht, mag das meinetwegen auch weiterhin tun. Nur sollte das bereits beim Aufruf der Kommentierungsseite ausdrücklich angekündigt werden.
Umgekehrt halte ich es bei dieser Lage gleichfalls für notwendig, darauf hinzuweisen, wenn keine Vorabkontrolle erfolgt. Ein entsprechender Hinweis sollte bereits in der Voreinstellung des Blog-Providers für die Kommentierungs-Seiten vorgegeben sein.
Sofern es nämlich für Kommentierende weiterhin unklar bleibt, ob ihr Text sofort veröffentlicht wird oder möglicher Weise im Müll oder in ungelesenen E-Mail-Haufen des Bloggers landet, würde ich mich nicht wundern, wenn auf die Dauer auch andere Kommentarschreiber ebenso wie ich die Lust am Kommentieren verlieren.
Und der Verzicht der Leser, Blotts zu kommentieren, wäre ein schmerzlicher Verlust für die Blogger, die Blogger-Community und für die Kommunikationskultur im Weltnetz überhaupt.



Textstand vom 08.11.2007. Auf meiner Webseite
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Freitag, 2. November 2007
 
Forschungsfahrt nach Bad Sooden-Allendorf
Nein, in diesen Kurort reisten wir nicht um (wie im Falle von Bad Schönborn) seine Existenz zu verifizieren. In Bad Sooden-Allendorf (BSA) hatten wir uns erst vor kurzem, freilich nur kurzzeitig, aufgehalten.
Die damalige Unterkunft in Bad Sooden war während der Dauer unserer jetzigen Reise (von Freitag, 19.10.07 - So., 28.10.2007) teilweise besetzt; also buchten wir eine Ferienwohnung in Allendorf.

Wenigstens hatten wir geglaubt, eine Ferienwohnung zu buchen. Doch was bekamen wir als wir ankamen? Ein ganzes Ferienhaus für uns allein!
Das war freilich nicht ursprünglich als Ferienhaus gebaut worden; vielmehr war es ein kleines Fachwerkhaus, in dem früher Menschen gewohnt hatten. Die leben vermutlich nicht mehr, und heute wäre es wohl schwierig, Dauermieter für ein Gebäude zu bekommen, in welchem im Erdgeschoss die Küche (mit einer Toilette in einem Schuppen draußen, wohl das frühere Plumpsklo, jetzt aber regulär ausgebaut), im 1. Stock Schlafzimmer und Bad/Toilette und im 2. Stock das Wohnzimmer liegt. Da muss man schon sehr überlegen, was man voraussichtlich im jeweils anderen Geschoss brauchen wird, um nicht ständig treppauf und treppab zu laufen.
Für einen Urlaubsaufenthalt ist es freilich ganz kommod; ohnehin wollten und haben wir uns wenig im Haus aufgehalten. So haben wir uns bald heimisch gefühlt.

Warum aber "Forschungsreise" mag sich mancher Leser fragen.
Nun, ein (Herbst-)Urlaub war unser Aufenthalt natürlich auch. Aber ebenso eine Reise zur Erforschung der Eignung der Doppel-Stadt als möglicher Alterswohnsitz.
In gut 3 Jahren steht meine Verrentung an; Mallorca kommt für uns schon mangels Masse nicht in Betracht (aber auch aus anderen Gründen würde ich nicht auf die Insel ziehen wollen).
Wenn wir noch einmal umziehen, dann in eine Gegend, in der die Unterkunft (Miete; vielleicht sogar Kauf eines kleinen Häuschens?) preiswert ist, gute Bahnverbindungen bestehen (da wir kein Auto haben) und Ort und Umgebung ein attraktives Umfeld bieten.
Als Alternativen haben sich für uns bislang der Bayerische Wald (vgl. Blott "Urlaub in Zwiesel, Bayerischer Wald") und eben BSA herauskirstallisiert.

Dieses Mal haben wir bewusst einen entspannten Urlaub gemacht und nicht viel unternommen, außer dass wir natürlich eifrig die Werrataltherme aufgesucht haben - und uns die beiden Orte angesehen.

Ach so, deshalb hat das Wasser in der Therme in den Augen so gebrannt!




















Nur einen Ausflug haben wir unternommen; das ist für unsere Verhältnisse ein absoluter Negativ-Rekord.
Den berühmten Flohmarkt am Leineufer (in den Straßen Am Hohen Ufer und Leibnizufer) in Hannover, angeblich der älteste in Deutschland (s. auch auf der Homepage der Stadt), hatte ich schon lange einmal besuchen wollen. Er war nicht ganz so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: kleiner, weniger besucht und es gab im Großen und Ganzen nichts, was nicht auch auf anderen Flohmärkten angeboten wird. Trotzdem sind wir natürlich auch von dort nicht weggekommen, ohne unsere Geldbörsen zu öffnen. Am Ende waren wir, nachdem wir endlich auch unser obligates China-Restauraut gefunden hatten, doch ganz zufrieden.





















Und hier noch einige Flohmarkt-Impressionen:


Nikis Nanas und der Hannoveraner Altstadt-Flohmarkt.














Na, na - ein Laternenpfahl?


















Okay, lassen also auch wir uns vom Genius loci inspirieren:

Sie glauben, das sei der Turm der Neustädter Kirche? Falsch: Es ist der Turm der "Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis"!













Der Turm ist Ihnen zu mickrig?
Also dann noch mal in größer! Liegt ja schließlich der Leibniz drin begraben - da wollen wir uns doch nicht lumpen lassen!) (Nein, nicht der Leibniz-Keks, Sie Scherzkeks, Sie!)














Katholische Kirchtürme (wie z. B. jener der Basilika St. Clemens) machen sich besser klein in dieser norddeutschen Ketzerhochburg!













Hier kommt nämlich schon der nächste protestantische Kirchturm:
Der Turm der Kreuzkirche, und gleich im Doppelpack mit einem Turm der alten Stadtmauer.




















Irgendwann muss ich meine Hommage an Niki de Saint Phalle aber doch abschließen. Was sonst war noch berichtenswert?

Ach ja, eine Wohltätigkeitsveranstaltung der türkischen Elternvereine Niedersachsen zu Gunsten afrikanischer Kinder. Hat gut geschmeckt: das nach unserem Mittagessen im China-Restaurant hier eingenomme Dessert! (Wenigstens ein wenig noch zu essen empfanden geradezu als moralische Verpflichtung: schließlich sollten wir ja futtern, um die Hungrigen zu füttern!)






Kleiner Psycho-Test für meine Leserinnen: identifizieren Sie "the odd one out" auf diesem Foto!














So, jetzt reicht's aber, mit Hannover, gelle? Kommen wir also endlich nach Bad-Sooden-Allendorf!

Hierhin kommt .....










..... wer sich im Leben .....









..... abgestrampelt hat!











Man kann mit dem Schiffchen auf der Werra anreisen.









Einen Flugplatz gibt es angeblich nicht, aber am Diebsturm (einem hohen Mauerturm etwa am höchsten Punkt der Stadtbefestigung des Orteils Allendorf) habe ich doch einen entdeckt: der ist allerdings nicht für gewöhnlich Sterbliche bestimmt, sondern für die Außerirdischen reserviert!


















Die ETs sind übrigens schon seit langem in Allendorf heimisch; man muss nur die Augen aufmachen, um sie zu entdecken:




















Wer genügend Kleingeld hat, kann sich in Allendorf ein atemberaubend schönes Fachwerkhaus kaufen:
























Wer es aber nicht hat, muss sich irgendwo ins Gewimmel quetschen; z. B. hier ins Fischerviertel an der Werra:























Natürlich kann man sich auch direkt in Bad Sooden einnisten:






















Allendorf ist eine alte und dennoch lebendige Fachwerkstadt .....













..... aber hier hat man garantiert seine Ruhe.




















Ganz so ruhebedürftig sind wir indes noch nicht und sagen deshalb:













Textstand vom 03.11.2007. Auf meiner Webseite
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Donnerstag, 1. November 2007
 
Utopia Nova - Argumente für die Wünschbarkeit einer ideologischen Fundamentierung politischen Handelns
ABBY FineReader ist ein feiner Kumpel, weil er es mir erlaubt, ohne allzu große Mühe meine alten Texte zu exhumieren und auf die Menschheit loszulassen (was natürlich einige Menschen durchaus zu einer konträren Einschätzung des "feinen Kumpels" veranlassen könnte). (Völlig mühelos ist es freilich nicht, weil die Texterkennungssoftware mit Schreibmaschinentexten -mit Gewebeband, nicht mit Karbonband geschrieben- gelegentlich doch Erkennungsschwierigkeiten hat und weil ich natürlich auch Buchstaben übertippt und ausgeixt und handschriftliche Berichtigungen und Ergänzungen eingefügt hatte.)

Den nachfolgenden Text hatte ich großenteils (handschriftlich) ausgearbeitet im November 1973 während eines Urlaubsaufenthaltes auf der Kanaren-Insel La Palma. Man könnte ihn auch als ein Sublimationsprodukt dieses in mancher Hinsicht frustrierend verlaufenen Urlaubs bezeichnen.
Später in Frankfurt habe ich ihn in veränderter Form maschinenschriftlich übertragen und ein wenig fortgeführt und jetzt in einer wiederum leicht veränderten Form (Berichtigung der Rechtschreibung, einiger Fehler und mit einigen –wenigen- Textänderungen im Interesse der Verständlichkeit) als Datei in meinen PC eingegeben.

Der Text ist zu lesen vor dem Hintergrund einerseits meiner Auseinandersetzung mit dem damals in der Nachfolge der Studentenbewegung von 1967/1968 im öffentlichen Diskurs noch recht virulenten Marxismen und Neomarxismen der verschiedenen Spielarten. Daraus resultiert wohl auch die manchmal sehr direkte Ansprache an die Leser (insoweit wohl strukturell - natürlich nicht inhaltlich - vergleichbar z. B. dem Aufsatztitel "Listen, Marxist!" eines Murray Bookchin aus dem Jahre 1971; den Aufsatz habe ich allerdings nicht gelesen).

Der andere Hintergrund waren die Auseinandersetzungen im die Erweiterung des Frankfurter Flughafens (Stichwort "Starbahn West") und andere Auseinandersetzungen, die ich als Gefahr für den weiteren technisch-zivilisatorischen Fortschritt wahrgenommen habe.
Umweltbewusst war ich damals zwar auch schon, aber die Ressourcenverknappung usw. waren seinerzeit mehr auf der Ebene der theoretischen Wahrnehmung präsent (bei mir selbst wie wohl auch allgemein in der Öffentlichkeit) und erschienen nicht in gleicher Weise unmittelbar bevorstehend wie derzeit das Ölfördermaximum ("Peak Oil").

Zu meiner weiteren Bewertung des Aufsatzes aus heutiger Perspektive vgl. auch meine kurze Nachbemerkung.

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"Utopia Nova - Argumente für die Wünschbarkeit einer ideologischen Fundamentierung politischen Handelns.

Im Gegensatz zum Konsensus, der Grundlage politischer Aktivität unserer Volksparteien, ist die Ideologie eine erfundene, systematische und auf größtmögliche innere logische Widerspruchsfreiheit bedachte Anleitung zu politischer Aktivität. Ihre Aufgabe ist es, ein oder mehrere verpflichtende Ziele für - im weitesten Sinne - politische Arbeit auf allen Ebenen zu entwickeln, wodurch letztlich die ganze Menschheit in Ihrer Struktur und bis hinunter zur Motivationsstruktur des Individuums auf diese Ziele ausgerichtet werden soll.

Ideologien können mehr oder weniger ausgeprägt und umfassend sein, bzw. der Begriff kann enger oder weiter gefasst werden. Die Übergänge zwischen Konsensus und Ideologie sind fließend; und im ganz strengen Sinn gibt es bisher nur eine - die marxistische -Ideologie.
Gewiss, faschistische und rassistische Systeme waren ebenso diktatorisch wie das bolschewistische; ihre sozialen Lehren waren jedoch weniger umfassend, weniger total. Im Gegensatz zum Marxismus hat der Nazismus kein ihm eigenes Wirtschaftssystem entwickelt; Privat- oder Staatswirtschaft waren dort (wie ja auch heute in den verschiedenen Demokratien) ebenso möglich wie Markt- und Planwirtschaft (letztere im 2. Weltkrieg auch praktiziert), ohne die beiden ideologischen Fundamente - Rassismus und, wohl noch wichtiger, Gehorsam - zu gefährden. Der Nazismus ist auch insofern keine Ideologie im ganz strengen Sinne der Eingangsdefinition, als er spezifisch für Deutschland zusammengestrickt war, und keineswegs die ganze Menschheit im Auge hatte.

Allerdings scheint die Eingangsdefinition der Ideologie als eines erfundenen Systems auch dem Marxismus nicht gerecht zu werden, der sich ja als erforscht, als gefunden, versteht. Es ist eine Frage des politischen Standortes und des jeweiligen Begriffs von Wissenschaft, ob man diesen Anspruch des "wissenschaftlichen" Marxismus akzeptiert. Hier wird er schon allein deswegen abgelehnt, weil in der hier verwendeten Terminologie der Begriff "Wissenschaft" jenen Forschungsbereichen vorbehalten bleibt, die exakt definierte, verifizierbare Aussagen machen. (Philosophie, Theologie, Jurisprudenz z.B. sind demnach keine Wissenschaften nach der hier zugrunde gelegten Begriffsbestimmung; Soziologie z.B. nur insoweit, als Ihre Aussagen exakt und zweifelsfrei nachprüfbar sind.)

Ich mache darauf aufmerksam, dass meine vorliegend verwendete Begriffsbestimmung von "Wissenschaft" ebenso wenig "das Wesen" "der Wissenschaft" erfassen will, wie entsprechend die Ideologiedefinition "das Wesen" "der Ideologie". Denn es gibt kein an-sich-seiendes Wesen der Begriffe; sie werden vielmehr für einen bestimmten Sachverhalt konzipiert und - besonders in Bereichen wie Politik, Philosophie, Theologie - nach Bedarf modifiziert. Es gehört zu den großen Unehrlichkeiten der Kultur und fast aller ihrer theoretischen, nicht-wissenschaftlichen Produktionen, explizit oder, meist, implizit-unbewusst, von einer meta-sozialen Begriffswelt auszugehen, die erst der jeweilige Denker richtig in ihrem Wesen erfasst habe. Gerade dieser Anspruch begründet allerdings auch die politische Attraktivität z.B. marxistischer oder neo-marxistischer Positionen, aber auch fast aller anderen politischen Einstellungen. Und noch immer ist ja das Naturrecht letzte "ideologische" Grundlage unserer (und vielleicht, wenn auch oft implizit, aller) Rechtssysteme.

Dieser Exkurs war erforderlich, um Ihnen, Leser, zu erklären, warum hier nicht von einer bürgerlichen Ideologie die Rede ist; ein Ausdruck, dem Sie doch mittlerweile an vielen Stellen begegnet sind. Und weil überall davon die Rede ist, muss es doch so etwas auch geben, oder? Sicher gibt es Grundüberzeugungen, die in einer bürgerlichen Gesellschaft sehr weit verbreitet sind, aber in dem eingangs gebildeten (nicht: gefundenen) Gegensatzpaar ordnen sie sich dem Konsensus zu. Stellen Sie sich die Begriffe "Ideologie" und "Konsensus" als Endpunkte einer Linie vor, nicht als (und auch das ist eine der großen Kulturlügen) Punkte im Raum, die jede Aussage und jedes Verstehen quasi magnetisch anziehen und "automatisch" als zum einen oder zum anderen Begriff wesentlich zugehörenden erkenntlich machen, wenn man nur die richtige Erkenntnismethode anwende. Eine Linie mit idealen, nur gedachten, Endpunkten, die hier durch Konsensus unserer Volksparteien einerseits und Ideologie des Marxismus andererseits exemplifiziert werden.

Auch der Marxismus basiert aber noch zum großen Teil auf Konsensus, auf nicht infragegestellten Selbstverständlichkeiten einer christlich-humanistischen Kulturtradition. Und daraus leite ich hier die Chance ab, die Linie in Richtung Ideologie zu verlängern, über den Marxismus hinauszugehen und eine Ideologie zu entwickeln, die noch mehr Ideologie im Sinne meiner Eingangskriterien ist und damit vielleicht dem gegenwärtigen Stand der gesellschaftlichen Entwicklung und des Wissens adäquater ist als z.B. der Neomarxismus. Und auch darum der Exkurs über die Begriffe und ihr nicht vorhandenes Wesen, und bitte, prägen Sie sich das ein als Grundlage für alle folgenden Ausführungen: was hier als Ideologie entwickelt wird ist ein erfundenes, kein gefundenes System, und es ist sich dessen bewusst. Und darin liegt der Unterschied etwa zur Ideologie des Marxismus: in dem Bewusstsein um die Konstruiertheit der hier auszuführenden Ideologie.

Wenn auch konstruiert, schwebt doch diese Ideologie nicht irgendwo im luftleeren Raum. Auch sie basiert auf jetzigen gesellschaftlichen Bedingungen, Problemen, Theorien; aber sie bemüht sich, von Setzungen auszugehen, von Prämissen, die als willkürlich gedacht sind, und die in der Theorie durch andere Prämissen abgelöst werden kennten. Natürlich ist die darzustellende Ideologie auf die konkrete Situation und aus ihr heraus konzipiert: die Situation der Menschheit in der Gegenwart, wie ich sie bewusst und auch vorbewusst verstehe, und besonders die hierzu gedachten Lösungen bestimmter Probleme, schafft / schaffen sich ihre Prämissen in einer umfassenderen Ideologie. Die Theorie, samt Prämissen, ist also aus der Praxis abgeleitet, und bleibt im Bewusstsein dieser Ableitung und ihrer metaphysischen Willkürlichkeit: und damit müssen Sie das Bild der Linie, mit Konsensus an der einen Seite, marxistische Ideologie zum anderen Ende hin und darüber hinausgehend die neue Ideologie "Utopia Nova" modifizieren zum Bild einer Ebene, in der Konsensus und marxistische Ideologie auf einer Linie liegen, Utopia Nova dagegen an anderer Stelle. Die neue Ideologie liegt deshalb nicht auf der Linie, weil sie sich im Gegensatz zum Konsensus (implizit) und Marxismus (explizit) nicht als metaphysisch begründete oder wissenschaftlich erwiesene Notwendigkeit für die Menschheit ausgibt; sie strebt keinen der klassischen Werte wie das Heil, das Gute, die gerechte Ordnung, das ewige Glück, das Paradies, an.

Sie können diese Ideologie nicht als richtig oder falsch "erkennen", Sie müssen sich vielmehr entscheiden, ob Sie sie annehmen oder ablehnen wollen. Und damit ist diese Ideologie demokratisch verwurzelt. Aber: in ihrer konsequenten Anwendung würde sie eine Gesellschaft ergeben, die sich ganz erheblich von unserer jetzigen Demokratie unterscheidet, und in der auch Freiheit keine nicht hinterfragte Selbstverständlichkeit mehr ist, sondern jeweils in ihrer konkreten Ausprägung, nicht als Schlagwort, auf die Vereinbarkeit mit den Zielsetzungen der Ideologie untersucht und dementsprechend beurteilt werden muss.

Ich will Ihnen diese Ideologie schon deshalb nicht als "Demokratie in Potenz" anbieten, weil ich ja nicht weiß, was gerade Sie, Leser, unter Demokratie verstehen. Aber auch nicht als Heilsbotschaft, die man ablehnen oder annehmen muss wie das Wort Gottes: die Feststellung, Sie könnten die Ideologie nicht als richtig oder falsch erkennen, bezieht sich allein auf die Relativität ihrer Prämissen, die nicht logisch aus einer Religion, einer Metaphysik oder aus wissenschaftlichen Erkenntnissen deduziert sind und als zwingend aus ihnen abzuleitend auftreten. Diese Ideologie besteht aus Prämissen und praktischen politischen Forderungen. Aber selbst diese Forderungen ergeben sich nicht zwingend aus den Prämissen, ebenso wenig, wie die gesetzten Prämissen zwingend aus den Forderungen abgeleitet sind. Ein Zusammenhang ist dennoch vorhanden; und mir scheint, das das vorzulegende ideologische System einige Probleme, die vielleicht auch Sie, Leser, theoretisch oder praktisch bedrängen, oder von denen abzusehen ist, dass sie uns sehr bald bedrängen werden, gut löst und insgesamt akzeptabel ist.

Von dieser Ideologie wird folgende Leistung gefordert: sie soll möglichst viele Daten, die für unsere Existenz relevant sind, im Hinblick auf jene Konsequenzen analysieren und kombinieren, die diese Daten für die Realisierung oder Verhinderung der Ausgangsforderungen oder Prämissen haben. Beispiele dafür gebe ich erst später im Zusammenhang.

Ein grundsätzlicher Ansatz dieser Ideologie liegt in der Kombination von Zusammenhängen, die bisher noch weitgehend als voneinander unabhängige Vorgänge verstanden, oder doch als solche behandelt werden. Sie sucht daher u. a. Lösungen für bestimmte Probleme zu rationalisieren (im ökonomischen Sinne), indem sie zwei oder mehrere Probleme kombiniert, die uns vielleicht bisher ganz zusammenhanglos erschienen waren, und so vielleicht zu einer neuartigen und stabileren Lösung kommt, zumindest zu einer Lösung, die den Forderungen ihrer Prämissen besser gerecht wird als konventionelle Ansätze.

Diese Ideologie ermögliche somit: eine problemorientierte, kreative, rationelle und rationale Politik. Rational heißt hier nicht "vernünftig" - das wäre ein Begriff aus dem Bereich des Konsensus und der aus ihm entwickelten Ideologien, also aus der "Linie" unseres Denkmodells - sondern verstandesmäßig aus bestimmten Zielen abgeleitetes Handeln, und damit prinzipiell einer Nachprüfung im Hinblick auf den Nutzen für die Erreichung dieser Ziele zugänglich.

Ein längerer Einschub ist erforderlich, um den Begriff "rationell" zu erläutern oder bessern, in dieser Zeit, zu rechtfertigen. Natürlich haben Sie eine Vorstellung davon, was rationell und Rationalisierung in der Wirtschaft bedeuten. Vielleicht assoziieren Sie Schlagzeilen wie - "Rationalisierung - eine Gefahr für die Arbeitsplätze?" oder "Rationalisierungserfolge ermöglichten steigende Gewinne". Arbeitsplätze sind in der Tat wegrationalisiert worden, aber nicht "die" Arbeitsplätze. Vielmehr schafft die Einsparung von Arbeitsplätzen in einem Bereich die Möglichkeit eines Einsatzes der freigewordenen Kräfte in anderen Bereichen und die Möglichkeit zum Aufbau neuer Industrien - z.B. der Freizeitindustrie als Teil des sich immer mehr ausweitenden tertiären Sektors, aber auch die Möglichkeit z.B. zur Erweiterung des Gesundheits- und Bildungswesens. Banal für Sie, Leser, ich weiß, aber angesichts heute so verbreiteter schlichter und manchmal geradezu magischer Vorstellungen von Wirtschaft noch ein Wort wert: Wenn der Bauer nicht mehr produziert, als er selbst verbraucht, kann er keinen Arzt und keinen Lehrer und keinen Politiker bezahlen. Er kann ihm zwar "Geld" geben, meinetwegen Kauri-Muscheln; da aber der Empfänger nichts dafür kaufen kann - der Bauer verbraucht ja seine Produktion selbst - ist das "Geld" kein Geld.

[Ein Scheinwiderspruch, wie vielleicht alle jene wundersamen Paradoxien, welche die Philosophen aus dem Hut zaubern. Wenn der Satz "Geld ist gar kein Geld" überhaupt logisch möglich ist, so nur in dem voraufgegangenen Kontext, wo "Geld" einmal Dinge oder auch Buchungsvorgänge bedeutet, die uns als Zahlungsmittel und Zahlungsvorgänge geläufig sind, zum anderen aber bedeutet "Geld" dort "Zeichen, gegen das man Ware eintauschen kann". Wenn also der Bauer nichts verkauft gegen die Kaurimuscheln, die jemand ihm als Geld anbietet, hat dieser von vornherein nicht mit Geld bezahlt, sondern wertlose, weil nicht in einer anderen Kategorie wertmäßig vergleichbare, Kaurimuscheln hingegeben). Nun zu den steigenden Gewinnen, der zweiten Schlagzeile. Sie mögen ja Profite und Profitgier ablehnen; wenn aber jedes Jahr die Post- oder Bahn- "tarife" (= Preise) erhöht werden, und vielleicht sogar überproportional zu Ihrer Einkommenssteigerung, werden Sie dort vielleicht Rationalisierung fordern. Aber wieso nur dort? Es muss Ihnen doch klar sein, dass auch z.B. Mieten irgendwo mit den Baukosten und dem Rationalisierungsgrad im Bauwesen und in anderen Sektoren und sogar auf ganz anderen Ebenen zusammenhängen. Sparen Sie sich, kluger Leser, die Bodenpreise und Vermieterprofite jetzt und denken Sie sich den Zusammenhang ohne diese "Federung" oder dieses "Reservepolster", indem Sie z.B. eine Statistik der Entwicklung der reinen Baukosten in den letzten 1o Jahren betrachten.]

Bleibt zuletzt noch der Einwand, wir lebten ja ohnehin in einer Überflussgesellschaft, und warum rationalisieren, wenn jetzt schon zuviel produziert wird? Jedoch: nach aller sozialen Erfahrung wird jeweils der erreichte Standard die Norm, wird selbstverständlich, und die Erreichung neuer Ziele erscheint erstrebenswert - sei es nun das privatistische Ziel des Swimmingpools oder das soziale einer besseren psychiatrischen Versorgung. Und dieser Zusammenhang würde auch dann gelten, wenn alle Mittel gleich oder auch "gerecht" aufgeteilt wären, denn woher nehmen Sie, Leser, die Autorität, mir zu sagen, es sei gerecht, wenn ich die Hälfte bekäme, oder dasselbe, oder "nur" das Doppelte, wie Sie? Natürlich müssen einfach die Mittel irgendwie verteilt werden; Mittel, von denen ich meine, dass sie grundsätzlich und immer knapp sind - aber warum nicht ehrlich sagen, dass sie knapp sind und irgendwie im gesellschaftlichen Verteilungskampf - direkt zwischen den Beteiligten oder indirekt "von oben" - aufgeteilt werden müssen?

Repetieren wir nach dem langen Einschub die Grundlagen: Ideologie sei ein sozialphilosophisch-politisches Orientierungssystem mit dem inneren Ziel größtmöglicher logischer Widerspruchsfreiheit und dem äußeren Ziel, die ganze Menschheit in ihrer sozialen Struktur und bis hinunter zur Strukturierung der Motivationen des Einzelnen zu erfassen. Eine gute Ideologie liefere Grundlagen für eine rationale Politik, die Probleme kreativ und rationell löst und damit vielleicht neue Probleme, aber von größerer Komplexität als die alten, gelösten, schafft und so die Grundlage legt für eine weitere angestrengte Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Kräfte in der Lösung immer komplexerer Probleme. Und das mag Ihnen allerdings als weiterer Nachteil dieser neuen Ideologie gegenüber einer klassischen erscheinen. Eine Ideologie alten Stils nennt die Probleme, zeigt die (vermeintlichen) Lösungsmöglichkeiten - und wenn dann die Ideologie nur richtig in die Praxis umgesetzt wird, sind am Ende (irgendwann einmal) automatisch alle happy. Der Ansatz einer modernen Ideologie muss bescheidener sein, kreativ statt dogmatisch. Sie nennt Probleme, offeriert neue Lösungsmöglichkeiten als System, sie versucht einfach, traditionelle Perspektiven radikal zu verändern. Sie will radikaler sein als bestehende politische Auffassungen und Ideologien, ohne dass aber diese Radikalität alle Gebiete des Lebens notwendigerweise gleich stark oder gleich schnell verändern müsste. Die Radikalität dieser neuen Ideologie liegt im Wissen um ihre Bedingtheit und in zwei Forderungen, die an sie gestellt werden sollen: sie muss wissen, dass sie neue Probleme schafft, indem sie alte löst, und sie muss in ihre Problemlösungen auf organisatorischer Ebene und individuell in Bewusstsein und Motivationsstruktur des Einzelnen Herausforderungen einzubauen versuchen, die eine Weiterentwicklung der Menschheit auf höhere = komplexere Zustände hin erzwingen.
Damit ist als eine Prämisse für diese Ideologie gesetzt, dass sie dem Fortschritt diene. Scheinbar nichts neues, jedoch von einer klassischen Ideologie insofern völlig verschieden, als "Utopia Nova" der Menschheit kein absolutes Heil bescheren will: Vielmehr versteht sie "Fortschritt" wertneutral als Entwicklung zu höherer Komplexität menschlichen Denkens, Handelns und Organisiertseins. Und damit wäre diese Ideologie, denkt man an die Marxsche Theorie von der spiralförmigen Höherentwicklung der Gesellschaft, in gewissem Sinne der einzig zeitgemäße Neo-Marxismus, die einzige radikale Weiterentwicklung des Marxismus. Aber das nur am Rande, denn diese Ideologie soll nicht geistesgeschichtlich abgeleitet und mit Autoritäten der Philosophie des Abendlandes belastet werden, welche sich nicht mehr wehren können, wenn man ihre Lehren angeblich vom Kopf auf die Füße stellt.

Wenngleich auch eine neue Ideologie selbstverständlich überall ihre Wurzeln in älteren und neueren Gedankengängen verschiedener Wissensgebiete hat, so ist doch eine Captatio benevolentiae des Lesers durch die Anführung klassischer und moderner Autoritäten nicht angestrebt. Sie müssen sich schon die Mühe machen, die Ideologie anhand der Ihnen unmittelbar und mittelbar zugänglichen Informationen über das Leben, wie es sich heute darstellt und wie es vielleicht in zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren sein wird, kritisch zu prüfen. Ich weiß ja nicht, ob es Sie interessiert, wie andere Menschen in anderen Ländern heute leben, was dort geschieht und wie die Menschheit - und damit evtl. Ihre Kinder und Enkel - in fünfzig oder hundert Jahren existieren werden, aber eine Ideologie unterscheidet sich von einem Parteiprogramm u. a. dadurch, dass sie Grundlagen für eine langfristige, sehr langfristige, politische Orientierung bieten und politisches Handeln zur Überprüfung seiner langfristigen Auswirkungen veranlassen soll. Hier sei die andere Prämisse der neuen Ideologie eingeführt: Ihre Anwendung solle, neben der Förderung des Fortschritts, die Erhaltung möglichst intelligenten Lebens auf möglichst lange Sicht gewährleisten.

Hierin liegt aber eine weitere politische Schwäche dieser Ideologie. Menschen kämpfen für bessere Lebensverhältnisse für sich selbst; auch dort, wo die Ideologie ein paradiesisches Endziel in weite Ferne rückt, werden die ihr anhängenden Massen politisch mobilisiert nur mit dem Versprechen oder der Hoffnung auf baldige Veränderung von als untragbar empfundenen Zuständen. Gewiss, Verhaltensweisen zur Erhaltung der Art sind dem Menschen einprogrammiert: Eltern können sich die Ausbildung Ihres Kindes "vom Mund absparen", sie können dafür kämpfen, dass es ihrem Kind "später mal besser geht", und in einem schon abstrakteren Zusammenhang ziehen Männer in den Krieg, um "Frauen und Kinder zu schützen". Wäre dieser Terminus so beliebt gewesen in der Kriegspropaganda, wenn er nicht, schon mittelbar-abstrakt, aber doch noch unmittelbar verständlich, eine biologische Programmierung angesprochen hätte? Und auch heute wird ja die Forderung nach Umweltschutz oft mit dem Hinweis auf die Lebensbedingungen späterer Generationen gestellt.

Man kann sich für oder gegen den Fortschritt im o. a. Sinn entscheiden, man kann auch "für den Fortschritt" eintreten, und ihn doch gleichzeitig bekämpfen (und umgekehrt). Zwei Beispiele: Ein Industriemanager kann für die Durchsetzung eines Reaktorbaus oder des Baus einer neuen Fabrik kämpfen, zugleich aber sich mit allen Mitteln gegen eine Flughafenerweiterung in der Nähe seines Eigenheims sträuben. Und der Nationalsozialismus, dessen Wirtschaftsideologie den Kleinbetrieben Schutz vor dem Großkapital versprach, hat in der Praxis den Trend zu größeren Einheiten begünstigt. (Diese Beispiele sollten nicht dahingehend missverstanden werden, dass Reaktorbau oder Flughafenerweiterung in jedem Fall ein "Fortschritt" sein muss. "Fortschritt" in der hier verwendeten Begriffsauslegung kann es auch bedeuten, z.B. die Population geplant zu reduzieren, und damit die Umweltbelastung zu verringern, so dass z.B. der Gesamtenergieverbrauch reduziert wird, der Pro-Kopf-Verbrauch sich aber erhöht). Ich jedenfalls halte einen ständigen Fortschritt für erforderlich, um große soziale Spannungen zu vermeiden, die m. E. bei länger dauernder Stagnation oder gar bei Rückschritten in der zivilisatorischen Entwicklung auftreten würden. Explizites Ziel des Fortschritts darf dabei nicht mehr so ausschließlich wie früher sein, "dass es allen besser geht", sondern zu verhindern, dass es der Menschheit in nicht allzu ferner Zukunft zunehmend schlechter geht. Und Fortschritt, ich betone es noch einmal, heißt hier nicht größtmöglicher Güterausstoß um jeden Preis, auch nicht unbedingt größtmögliche Bedarfs- oder Bedürfnisbefriedigung, sondern sein Ziel sei die Erhaltung möglichst intelligenten Lebens auf möglichst lange Sicht mit möglichst geringem Aufwand und möglichst geringen individuellen Unlustgefühlen.

Hier wird also die erste Setzung der Ideologie, der Fortschritt, durch die zweite definiert und zugleich werden Inhalte des traditionellen Fortschrittsbegriffs aufgenommen: größere Humanität, so wie wir sie heute verstehen, ist ja ein Resultat des wissenschaftlich-technisch-wirtschaftlichen Fortschritts und erst durch ihn möglich.

Fortschritt alter Art stößt heute an politische und natürliche Grenzen, oder diese Grenzen zeichnen sich zumindest für die Zukunft ab. Beispiele für politische Grenzen sind die zunehmenden Schwierigkeiten großer Konzerne, international flexibel zu operieren; Regierungen bemühen sich um größtmöglich Kontrolle solcher Gebilde, jeweils in ihrem Bereich, und ebenso die Gewerkschaften. Die fortschrittsadäquate Lösung, großräumig operierenden Industriekomplexen ebenso großräumig operierende Kontrollinstanzen gegenüberzustellen - also z.B. eine Europa- oder gar Weltregierung zu etablieren - scheitert am Konservatismus der Regierenden wie der Regierten. Und dieser Widerstand ist vielleicht nur zu brechen durch eine Ideologie, die ihrem Anspruch nach menschheitsumfassend ist, und für die eine Weltregierung nicht ein ideales Endziel, sondern notwendiges Teilziel eines umfassenderen Programms ist. Ein weiteres und zunehmend gravierendes Problem ist die "Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-nass-Einstellung", die bei unserer heutigen Struktur möglich und vielleicht auch legitim ist: natürlich brauchen wir Autobahnen, Kraftwerke, Flughäfen - aber warum gerade hier in meiner Nachbarschaft? Diese Problematik des individuellen - und zunehmend erfolgreichen - Kampfes gegen sozial notwendige (wenn auch nicht unbedingt öffentliche oder gar "soziale" im gängigen Wortsinne) Einrichtungen wird besonders deutlich und verschärft sich in Ballungsgebieten und unter der politischen Struktur eines "demokratischen Rechtsstaats" mit starker Betonung des Privateigentums. Andere politische Systeme werden sich aber irgendwann der gleichen Problematik des Ausbalancierens individueller Ansprüche und gesellschaftlicher Erfordernisse auch in diesem Bereich gegenübergestellt sehen, bzw. sind es schon jetzt. Die Fragen "Wozu Fortschritt?" und "Wieweit Fortschritt?" können nicht gelöst, sondern müssen entschieden werden. Als Grundlage solcher Entscheidungen, die natürlich nie endgültig sind, sondern immer wieder neu gefordert werden und dann für eine Zeitlang Geltung haben, scheint mir eine langfristig orientierte Ideologie zweckmäßiger als kurzfristige politische Entscheidungsprozesse mit unklaren Zielbestimmungen und evtl. häufigen Zieländerungen, bei denen dann u. U. Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen (Bau oder Nicht-Bau eines Kraftwerks z.B.) aufgrund enger lokaler Bedingungen gefällt werden. Jeweils an einem begrenzten Problem orientierte Entscheidungen ohne ein langfristiges Gesamtkonzept werden zunehmend kostspieliger werden und schwieriger durchzusetzen sein, weil ihnen die Legitimations- = Überzeugungsgrundlage fehlt. Natürliche Grenzen werden zunehmend deutlich in Rohstoffmangel und Umweltbelastung, beide verschärft auftretend durch mangelnde internationale Abstimmung.

Fortschritt kann scheinbar paradox werden: die Produktion von Gegenständen kann u. U. erheblich billiger sein als die Beseitigung der durch die Produktion entstehenden Umweltbelastung; der Sinn wissenschaftlicher Forschung kann fraglich werden angesichts des erforderlichen Aufwands (z.B. in der Nuklearforschung), hier ist wiederum ein langfristiges Orientierungssystem zweckmäßig, um über Nutzen oder Schaden zu entscheiden. Denn was uns heute aufwendig erscheint, kann morgen lebensnotwendig sein; eine Produktionsmethode, die heute billig ist, kann dennoch etwa durch größeren Verbrauch knapper Rohstoffe auf längere Sicht zu Versorgungsschwierigkeiten führen, die nur mit überproportionalem Aufwand zu beseitigen wären. Und schließlich: Fortschritt kann dazu verführen, eine Belastung der Erdressourcen mit einer Bevölkerungszahl zuzulassen, die langfristig nicht durchzuhalten ist. "Irgendwie" regelt sich zwar alles "von selbst", die Naturgesetze sind gleichgültig gegenüber menschlichen Wünschen und Leiden. Aber Ihnen, Leser, ist es doch vielleicht nicht egal, wie es in 50 oder 100 Jahren auf der Erde aussieht. Glauben Sie allerdings, der liebe Gott oder die Natur würden schon alles "in Ordnung" bringen, dann legen Sie diesen Artikel besser zur Seite, setzen Sie sich in den Wald und warten Sie auf die Sternthaler.

Mit der Forderung nach Erhaltung möglichst intelligenten Lebens auf möglichst lange Sicht drängt sich Ihnen möglicherweise die Frage nach dem "Sinn des Lebens" aus der Perspektive einer solchen Ideologie auf. Nun, ohne Zugrundelegung einer metaphysischen Gegebenheit (Gott z.B.) ist ein Sinn, eine Zweckbestimmung menschlicher Existenz, nicht möglich. Sicher gibt es sozusagen vorprogrammierte Entwicklungslinien, die sich aus dem So-Sein des Lebens und besonders der höchsten uns daraus bekannten Variation, des Menschen, ergeben. Die Höherentwicklung (wertneutral verstanden!) der Lebewesen folgt aus den in ihnen vorgegebenen Möglichkeiten im Rahmen einer bestimmten Umwelt. Aber ohne Setzung eines Gottes oder "natürlicher" Werte kann man diese Entwicklung nicht als Sinn-haltig bezeichnen. Sie ist aber ebenso wenig unsinnig. Der Sinnbegriff selbst ist aus menschlichem Handeln abgeleitet: es ist sinnlos, Wasser in den Benzintank eines Autos zu schütten, um damit zu fahren. "Sinn" ist das Ziel von Handlung oder Denken, "das Leben" als solches hat vielleicht eine Richtung, aber keinen von einer planenden Intelligenz einprogrammierten Sinn.

Sie mögen den Sinn Ihres Lebens darin sehen, gut zu sein, aber die Beurteilung einer Handlungsweise als gut oder böse erfordert Kriterien, die gesellschaftlich erarbeitet werden und oft sogar individuell differieren. Hinzu tritt die Zeitkomponente: eine Handlung, heute von allen als gut bewertet, kann morgen allen als verwerflich erscheinen. Außerdem können Sie niemals alle Ihre Handlungen, von der Wiege bis zum Grabe, auf ein Ziel ausrichten. Sinnlos bedeutet jedoch nicht grundlos: Handlungen haben ihre Ursache, auch wenn sie nicht sinnvoll auf ein Ziel hingeordnet sind. Was wäre dann, wenn der Sinn einer Handlung ihr Ziel ist, ein sinnvolles Ziel? Es wäre einfach ein Teilziel, dessen Erreichung "Sinn" hat, sich also einem anderen Ziel unterordnet.

Unsere Existenz ist also sinnlos, wir können tun was wir wollen, Ziele und Grenzen sind nur individuelle oder gesellschaftliche Setzungen. Unsere Handlungen sind ebenso wenig absolut gut, wie sie absolut böse sein können. Dieser Relativismus ist unbefriedigend, denn unsere ganze Erziehung, der ganze Überbau unserer Kultur, widersprechen. Es gäbe kein Recht mehr, das man durch fleißiges Forschen finden könnte, keine gültige - keine metaphysische gültige - Moral. Damit wäre die Gesellschaft vor die Notwendigkeit gestellt, bewusst Normen zu setzen, alle Normen bewusst zu setzen, und dabei wäre es immer unsicher, selbst unter der Voraussetzung allgemein angenommener Zielvorstellungen, ob die Aktionen zur Beeinflussung des Einzelnen zur Einhaltung dieser Normen den akzeptierten Zielen dienen.

Und doch tritt eine grundsätzliche Veränderung gegenüber der jetzigen Situation durch diese Relativierung nicht ein: Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde und, leider als Grundsatz selten postuliert, weil scheinbar als selbstverständlich vorausgesetzt, ein befriedigendes Funktionieren der sozialen Organisation sind die Ziele, an denen konkrete Normen sich orientieren, oder auf deren Einhaltung sie geprüft werden. In kommunistischen Staaten gilt der Sozialismus als Norm. Diese Begriffe werden verabsolutiert als ewige Werte oder historische Zwangsläufigkeiten; das Ringen um die situationsbezogene Auslegung wird häufig auf dieser absoluten Ebene mit Scheinargumenten geführt, hinter denen konkrete Interessen sich verstecken können. Indem wir nun von politischer Argumentation fordern, sie solle die sozialen Ziele ihrer Vorschläge konkret benennen - z.B. statt "mehr Freiheit" des Bürgers im sexuellen Bereich "Abschaffung von Normen des Sexualverhaltens, die heute für die soziale Organisation und den Beitrag des Einzelnen zur gesellschaftlich zu erbringenden Leistung überflüssig sind" - zwingen wir die Argumentation auf die Ebene prinzipieller Nachprüfbarkeit - und erstreben damit eben doch eine wesentliche Veränderung der jetzigen Situation bei politischen Diskussionen.

Unsere Ideologie setzt sich damit als eine weitere Aufgabe, gesellschaftliche Normen und politische Argumentation transparenter zu machen, als sie es bisher sind, was man auch als einen Schritt in Richtung auf mehr Demokratie verstehen kann. Aber, Vorsicht: Demokratie ist hier nicht eine Erweiterung der politischen Entscheidungsmöglichkeiten des Bürgers, sondern verbesserte Kontrollmöglichkeit, ob Maßnahmen einem auf lange Sicht akzeptierten Entscheidungsrahmen entsprechen oder nicht. Eine bewusst Ideologie-sein-wollende Ideologie kann nicht über affektive Zustimmung der Massen zu den führenden politischen Vertretern dieser Ideologie operiert werden, sondern nur durch bewusste Kontrolle, ob die praktischen Maßnahmen eben dieser politischen Führung Schritte auf dem Weg in die gewählte Richtung sind.
Im praktischen Gesetzgebungsverfahren würde das etwa bedeuten, dass zunächst eine Ist-Beschreibung gemacht wird. Bei der Strafgesetzgebung betr. z.B. die Tötungsdelikte könnte das etwa so aussehen:

Ist: "Soundsoviele Menschen werden absichtlich von anderen Menschen pro Jahr getötet" (diese Aussage wäre statistisch detaillierter aufzugliedern).
Dann die Norm: Solche Tötungen stören die soziale Organisation (u. a. weil sie die Bürger verunsichern) und sind daher, soweit mit vertretbarem Aufwand möglich, zu verhindern.
Evtl. Ausnahmen angeben: gibt es willentliche Tötungen, die nicht sozialschädlich sind Sterbehilfe?)?
Vorbeugende Maßnahmen ergreifen: medizinische Behandlung potentieller Täter, Veränderung sozialer Bedingungen in besonders gefährdeten Gebieten, Abschreckung durch Strafen. Zur Verbesserung der Kontrollmöglichkeiten kann es wünschenswert sein, z.B. die Strafen regional oder nach Täterkreis oder sogar nach Opfern zu differenzieren: das Ziel ist ja nicht mehr, Täter zu bestrafen, um der "Gerechtigkeit" Genüge zu tun, sondern eine Minimierung der willentlichen, sozialschädlichen Tötungen und eine Kontrolle, durch welche Maßnahmen dieses Ziel am besten erreicht werden kann.

Natürlich wird dieser praktische Gesichtspunkt auch bei uns jetzt schon beachtet, wenn auch verborgen unter einem Wust von Gerechtigkeitsideologie. Aber wenn die Zahl der Flugzeugentführungen steigt, oder der Drogenmissbrauch, werden die Strafen erhöht. Ebenso wird im Strafverfahren die Täterpersönlichkeit berücksichtigt, aber lediglich unter einem individuellen Gesichtspunkt. Stattdessen sollte eine sozialrationale Fragestellung lauten: wie reagiert diese oder jene Klasse potentieller Täter, wenn ich ein überführtes Mitglied dieser Klasse - sie mag wirtschaftlich oder nach Bildungsstand oder nach anderen gemeinsamen Merkmalen definiert sein - in dieser oder jener Weise strafe? Wenn sich dabei herausstellt, dass der Affekttäter auf die Drohung mit Todesstrafe - statistisch gesehen - nicht reagiert, der Berufsgangster aber sehr wohl, oder der Akademiker reagiert, der Volksschüler nicht, kann die Gesetzgebung entsprechend differenziert werden. Was uns jetzt als schreiende Ungerechtigkeit erscheinen mag - den Mörder X anders zu verurteilen als den Mörder Y, nur weil beide aus einer anderen Klasse potentieller Täter kommen - wäre dann selbstverständlich aufgrund der ausschließlichen Zielsetzung des Gesetzes, die Zahl der Tötungen zu minimieren; ebenso selbstverständlich wie heute unterschiedliche Prämien in der Kfz-Haftpflichtversicherung z.B. für bestimmte Regionen oder Berufsgruppen.
Damit ist natürlich keine endgültige Lösung des Problems erreicht: die Zahl der möglichen Faktoren, die einen Straftäter formen und in seine Tat eingehen, ist zu groß, um sie ganz zweifelsfrei isolieren zu können; hier ist also der Auseinandersetzung verschiedener Meinungen weiterhin Raum gegeben, ebenso in der Frage, was ein vertretbarer Aufwand sei: wie viele Polizisten oder Psychiater sollen eingestellt werden? Verändert, rationalisiert, hat sich aber die Zielsetzung: von mittelalterlichen Rachefeldzügen über eine scheinbar ewige Rechtsordnung hin zur Funktionalisierung des "Straf"rechts auf Individual- und Generalprävention. Der jeweilige Vorrang ergäbe sich aus der Zielsetzung des Gesetzes, nicht aus einem Postulat, etwa der "Menschenwürde", die in ihrer gegenwärtigen Ausrichtung allein auf die Behandlung des Täters abstellt und die "Würde" anderer potentieller Opfer - und auch Täter - völlig ausklammert.

Ein Ansatz zu einer rationalen Erfolgskontrolle politischen Handelns ist derzeit bei uns z.B. der Subventionsbericht, den die Bundesregierung vorlegen muss. Ziel der hier vorgetragenen Ideologie ist es aber, dieses System von: Problemfeststellung - Problembehandlung - Erfolgskontrolle möglichst umfassend anzuwenden und bewusst als Prinzip politischen Handelns zu institutionalisieren. Evtl. ist es dazu erforderlich, die Erfolgskontrolle einer besonderen Organisation z.B. nach Art des Bundesrechnungshofs zu übertragen. Dem Parlament verbleibt die Bewertung der Resultate. Eine genaue Kontrolle in der o. a. Art kann es nicht leisten, sie liegt auch nicht in seinem Aufgabenbereich, weil es hier ja um Datenerfassung geht und um die Einordnung dieser Daten nach vorgegebenen Kriterien.

Das hier für das Strafrecht näher ausgeführte System bedeutet einen Fortschritt, weil es Quantifizierung gesellschaftlicher Daten anstrebt und somit einer exakten Sozialwissenschaft ein stärkeres Gewicht bei politischen Entscheidungen und bei der Kontrolle ihrer Auswirkungen sichert. Somit ist es eine Konkretion einer der beiden Grundforderungen unserer Ideologie: den Fortschritt zu fördern. Politisches Handeln wird bewusster, transparenter und rationeller, eine Höherentwicklung, aber nicht Schritte auf ein absolutes Endziel."


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- "to be continued" –

lautete der optimistische Schlusssatz meines Papiers.
In gewissen Sinne habe ich die vorliegende Arbeit tatsächlich fortgeführt: in verschiedenen Webseitenaufsätzen und Blotts. Natürlich nicht im Sinne einer Lösung. Die Zielsetzung einer Etablierung einer bewussten Ideologie quasi im Konsens entspricht dem Versuch einer Quadratur des Kreises. Eine quasi "lineare" Fortführung meiner Gedankengänge war mir deshalb nicht möglich.
Und ganz so optimistisch rationalistisch wie damals bin ich heute auch nicht mehr. Gleichwohl kann ich mich auch heute noch recht weitgehend mit dem obigen Aufsatz identifizieren bzw. entdecke ich darin viele Themenfäden wieder – Menschheit, Rationalität, Umwelt – die immer noch eine wesentliche Rolle in meiner "Weltdenke" spielen.


Die Idee, eine "künstliche" Ideologie in die Welt zu setzen (d. h. eine Ideologie, welche sich ihres -relativ- willkürlichen Charakters, ihrer "Geschaffenheit", bewusst ist), mag als skuriler Spleen einer spätpubertären Jünglingsfantasie erscheinen.
Indes begegnete sie mir vor einiger Zeit wieder im Werk des US-amerikanischen Philosoph (man müsste ihn wohl als Kulturphilosoph oder Sozialphilosoph bezeichnen) Tom Bridges, seinerzeit Professor an der Montclair State University. Seine frühere Webseite www.civsoc.com ("civsoc" steht für sein Arbeitsgebiet "civil society") ist nicht mehr online; auf der Universitäts-Webseite ist er zwar in der Liste der Fakutltätsangehörigen noch aufgeführt, der Link zu seiner (Uni-)"Homepage" ist jedoch nicht mehr aktiv.
Zum Glück gibt es indes das großartige Internet-Archiv "Waybackmachine", das den Surfer (sofern er die alte URL kennt) weit zurück in die Vergangenheit trägt.
Professor Tom Bridges beschreibt in seinem "ESSAY 2: The Rhetorical Analysis of Civic Culture" [hier Teil 1] die bürgerlich-liberale Kultur als Produkt einer Ideologie, die von Denkern wie Kant und Locke entwickelt wurde. Diese selbst hätten zwar [ebenso wie zweifellos Karl Marx] an die absolute Richtigkeit ihrer Überzeugungen geglaubt. Tatsächlich sei aber ihr Denken als Teil einer (unbewusst) interessengeleiteten rhetorischen Strategie zu verstehen. Nachdem heute der Ideologiecharakter des liberaldemokratischen Denkens erkannt sei, stünden wir vor dem "project of inventing a viable postmodern, post-Enlightenment civic culture" schreibt er im 2. Teil des Essays u. d. T. "Theoretical discourse as a rhetorical strategy". [Hervorhebung von mir; die Zuordnung der Essays ist etwas unklar, weil in der Waybackmachine das, was ich seinerzeit als 2. Teil der "Rhetorical Analysis ..." gespeichert hatte, unter dem Obertitel "ESSAY 2: The Anti-Rhetorical Rhetoric of Pure Theory" erscheint. Inhaltlich ist der Text -zumindest jedenfalls die zitierte Passage- jedoch identisch.]
Im übrigen empfehle ich allen, die Zeit und einschlägiges Interesse haben, eine Lektüre von Bridges Aufsätzen, die über seine in der Waybackmachine noch präsente Homepage weiterhin erreichbar sind.
Auf meine Mail-Anfrage an die Uni nach dem Schicksal von Mr. Bridges habe ich eine prompte Antwort erhalten:
"Tom passed away a number of years ago. He is missed by many".
Leider kann ich im Weltnetz keinen Nachruf (obituary) entdecken. Falls eine(r) meiner Leser(innen) Näheres über die Lebensdaten usw. von Prof. Bridges weiß, wäre ich für einen entsprechenden Hinweis dankbar.



Textstand vom 07.01.2008. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge (Blotts).
Soweit die Blotts Bilder enthalten, können diese durch Anklicken vergrößert werden.

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