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CANABBAIA
Sonntag, 30. Oktober 2005
 
WO DER OLIM HAUST oder ARM, ABER KRITISCH!


Sie erinnern sich an meinen 'Olim-Diskurs'? Wenn nicht, finden Sie ihn hier: http://beltwild.blogspot.com/2005/06/der-olim-diskurs.html.

Der Gedanke eines guten Gestern schleicht sich an den unvermutetsten [wenn das Karl Kraus gehört hätte ...] Stellen ein. So z. B. in den Aufsatz eines gewissen Ernst Lohoff: "ZUR DIALEKTIK VON MANGEL UND ÜBERFLUSS". Diesen Text will ich hier nicht in allen Einzelheiten kritisieren (mir erscheint er als eine großenteils realitätsarme Begriffsakrobatik, wie sie nur aus dem Nährboden des weitgehend bedürfnisbefriedigten Geisteszustandes eines bourgeoisen Zeitalters erwachsen kann). Nur einen Teilaspekt, der auch für viele andere Arbeiten dieser Art exemplarisch sein dürfte, will ich herausgreifen: das Walten des Olim-Diskurses im Hintergrund dieses Textes, der sich natürlich als zukunftweisend oder, im Jargon, progressiv versteht.

Mangel gab es schon immer, das immerhin weiß der Autor. Sicherlich der gravierendste Mangel ist der Mangel an Lebensmitteln. Auf diese Dimension reduziert er weitgehend das Mangelgefühl der Menschen früherer Zeiten mit agrarischen Wirtschaftsformen: Der Mangel "war den Menschen insofern von jeher vertraut, als die Bedürfnisbefriedigung auch in traditionellen Gesellschaften stets sozialen Restriktionen unterworfen blieb und insbesondere, weil sich angesichts der fehlenden Reichweite des produktiven Zugriffs die Naturschranke zu allen Zeiten periodisch in Gestalt von Missernten und Seuchen [Hervorheb. von mir]  immer wieder bemerkbar machte."
Wohnung, Heizung, Kleidung (vgl. dazu auch meinen Blog-Eintrag "... for Schouh war dat Jeld to knapp" ): dass diese (den Unterschichten, also der Masse der Menschen) großenteils fehlten bzw. nur äußerst mangelhaft verfügbar waren, muss in seiner Argumentation unter den Tisch fallen, damit er den wahren Menschen auch historisch gegen uns Warenmenschen abgrenzen kann.

Paradiesvorstellungen früherer Zeiten werden zum gleichen Zwecke ihrer konkreten psychologischen und soziologischen Funktionen entkleidet. Den Paradiesphantasten attestiert Lohoff "Distanzfähigkeit" und dem religiösen Kontrastprogramm von elendem Diesseits und glücklichem Jenseits "kritisches Potential", weil es "die Differenz zwischen dem Wünschbaren und der sozialen Realität aufrechterhalten" habe.


Ein Hauch von 'glücklichen Wilden' weht uns an wenn wir bei Lohoff von der angeblichen "Selbstverständlichkeit, mit der die Menschen in traditionellen Gesellschaften die vergleichsweise engen Grenzen akzeptierten, die der Reichtumserzeugung gesetzt waren" lesen. Das ist doch wohl eine Vorstellung aus Not-enthobener bourgeoiser Phantasie, erinnernd an die begeisterten Reiseberichte jener Hippies, welche auf ihren exotischen Reisen den Ärmsten der Armen die Haare vom Kopf gefressen und dann daheim von deren herzlicher Gastfreundschaft geschwärmt haben. (Erinnert mich entfernt an den Text eines gewissen Emanuel Sferios über "Immigration and the Environment", der auch ganz genau weiß, dass "US transnational corporations ... are aggressively marketing to increase consumption in countries like Mexico and China that have large populations yet have traditionally been low per capita consumers", will sagen: dass glückliche kaufsignalresistente Bauern nur durch die Hinterlist des Kapitals zu Konsumidioten ummanipuliert werden.)

Ebenfalls nicht unwichtig war im Bewusststein der Menschen der Mangel an Freiheit. Ich glaube eher nicht, dass wir heute davon "absolut" mehr haben. Wir haben wohl nur andere Freiheit(en). Und wir fühlen uns im historischen Vergleich freier. Unser Gefühl von "Freiheit" mag insoweit eine Illusion sein, als wir uns (möglicher Weise) einbilden, die "wahre" oder "richtige" Freiheit zu genießen. Für Spartakus oder John Ball und für die von diesen geführten Unterschichten wäre es allerdings ein gewaltiger Fortschritt gewesen, wenn damals die Menschen die Beschränkungen ihrer Vertragsfreiheit und ihrer räumlichen Bewegungsfreiheit in gleicher Weise wie wir hätten überwinden können und wenn ihnen wenigstens unsere zwar vielfältig eingeschränkten "Freiheiten" zuteil geworden wären.


Allerdings ist der Olim-Diskurs nur ein Randaspekt von Lohoffs Gesellschaftskritik. Tragendes Element ist der Eigentlichkeits- oder Wesentlichkeits-Diskurs. Im Hintergrund steht immer die Auffassung, dass wir durch unsere kapitalistischen Wirtschaftsweise (und ebenso in deren sozialistischen Spiegelbildern) irgendeines Eigentlichen beraubt worden seien. Das wahrhaft Menschliche, worunter er hauptsächlich die sozialen Beziehungen zu verstehen scheint, sieht er durch das Warenmenschliche verdrängt. (Die Hörigen hätte es bestimmt gefreut zu hören, dass sie die wahreren Menschen waren.)

Die Fähigkeit, auch fundamentale gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten gedanklich in Zweifel zu ziehen, ist eine wesentliche Triebfeder der Moderne und wohl der menschlichen Entwicklung überhaupt. In der intellektuellen Dimension stützen sich solche theoretischen Überlegungen oder sozialen Bewegungen letztlich meist (immer?) auf Absoluta: Gott, "die" Freiheit, die "Würde des Menschen" usw., d. h. auf einen gedachten archimedischen Punkt des eigentlich Wesentlichen, von dem aus sich die gegebene Ordnung in Richtung auf eine bessere Welt aushebeln lasse.
Gut, dass es Leute wie Lohoff gibt, welche zu wissen glauben, was dem Menschen wirklich frommt, nämlich dass die Leute z. B. eigentlich lieber in Bussen und Bahnen fahren und dass sie ihre Kartoffelkäufe lieber in der Schubkarre als im Kofferraum nach Hause transportieren würden.

Ich freilich (zwar ebenfalls skeptisch hinsichtlich gewisser Konsumhypertrophien) habe mit dem Wiederbesinnen meine Schwierigkeiten. Dass frühere Generationen irgendeinem Eigentlichen oder Wesentlichen näher gewesen wären als wir, solchen intellektuellen Varianten des materialistischen Goldenes-Zeitalter-Mythos traue ich eher nicht. Nicht erst der im Takt der abstrakten Arbeit verstrickte Brotbackfabrikarbeiter verkauft seine Zeit; auch die Zunftgeborgenen Bäcker der Vergangenheit mussten früh aufstehen.
Und die zukunftsbezogene Annahme, das eigentlich Wesentliche lasse sich anstreben oder im Prinzip sogar irgendwann einmal erreichen, scheint mir eher ein Einfallstor für jedwede Spielarten von Metaphysik, welche nur darauf lauern, uns zu Gurus oder Benevolenzdiktatoren zu konvertieren. Berge versetzen kann die Kraft der Einbildung. Sie kann aber Berge auch ins Rutschen bringen – dann sitzen wir drunter.

Trotzdem: Gedankliche Distanz zu unserer Wirtschafts- und Konsumgesellschaft sollten wir schon zu suchen versuchen. Selbst-kritisch muss ich mich fragen, ob man ohne einen gedachten absoluten Bezugspunkt (wie vage er auch immer vorgestellt sein mag), Abstand halten oder überhaupt erreichen kann?

Immerhin: eine Dialektik von Mangel und Überfluss erlebe ich sogar bei mir selbst: je weniger Zeit ich habe, desto mehr Einfälle kommen mir.
Ob es sich dabei um einen Überfluss an Gedanken, oder lediglich um überflüssige Gedanken handelt: das muss ich wohl der Einschätzung meiner Leser überlassen.

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Bis zur 9. Druckseite seines Textes war ich gekommen, als ich den größten Teil der o. g. Zeilen niederschrieb.
Danach kommt es besser, und das meine ich keineswegs ironisch im Sinne von "kommt es noch besser".
In der 2. Texthälfte liefert Lohoff nämlich historische Analysen, deren Richtigkeit ich zwar anzweifele, die aber intellektuell brillant sind.

Den Aufstieg des Kapitalismus stellt er nicht als einen ökonomischen Kampf der Gesellschaft gegen das Elend dar, sondern sieht umgekehrt eine verschärfte Verelendung (Pauperisierung) der Unterschichten geradezu als notwendige Voraussetzung an für den Aufstieg des Kapitalismus. Den Staat betrachtet er als denjenigen historischen Agenten, der die Menschen ins Elend gestoßen hat.

Ich habe da so meine Zweifel, ob es den Hintersassen einstiger Kathedralbau-Zeiten, aus denen man nichts Genaues weiß und in welchen manche Freiwirtschafts-Theoretiker dem Bischof Wichmann die Erfindung der Wirtschaftsblüte durch das Schwundgeld der Brakteaten zuordnen oder andichten, wirklich besser ging als einige Jahrhunderte später. Wenn man den Mittelalter-Menschen auf die Zähne fühlt, archäologisch, dann sind die gelegentlich recht abgenutzt. Weil sich so manche Menschen kein gemahlenes Getreide leisten konnten (nein, Marie Antoinette: Brot konnten sie auch nicht kaufen) und also die Körner mit ihren Kauwerkzeugen zerkleinern mussten.
(Wahrscheinlich sind die Müller die wirklich Schuldigen der frühkapitalistischen Verelendung, weil sie den Massenkonsum von aufwändig und kostspielig denaturiertem Körnerfutter durchgesetzt haben. Der direkten Aktion der Zähne haben sie in der vorsätzlich expropriatorischen Intention der Gewinnerzielung die warenwirtschaftliche Abstraktionsstufe des Mehlmahlens vorgeschaltet.)

Immerhin: die Isländer haben in der "kleinen Warmzeit" eine hohe Kultur entfaltet; wir mit Kathedralenbauten auch. Und die große Zahl von Burgen, auch wenn diese damals durchaus kleiner waren als das, was wir an den übrig gebliebenen heute sehen, war keine geringe ökonomische Leistung. Wenn die allgemeine Ernährungssituation der breiten Massen im Früh- und Hochmittelalter wirklich (wie viel?) besser gewesen sein sollte als heute (was ich bezweifele), mag auch das günstige Klima eine Rolle gespielt haben – und entsprechend negativ im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit die klimatische Verschlechterung in der "Kleinen Eiszeit".

Trotzdem haben sich gerade in letzterer Periode in fortgeschritteneren Ländern wie Italien "nutzlose" Studien wie der Humanismus entfaltet (der, wenn ich Leonid Batkins Ausführungen in seinem Buch "Die italienische Renaissance" recht verstehe, das Betriebssystem erarbeitet hat, auf dessen Grundlage sich die moderne Wissenschaft entfalten konnte). Kunstwerke entstanden in großer Zahl, und parallel dazu stieg der Künstler im gesellschaftlichen Ansehen (und stieg wohl auch sein materieller Verdienst). In den Niederlanden dehnte sich der Luxuskonsum ("Luxus" im Sinne von nicht unmittelbar notwendigen Lebensbedürfnissen gedacht), auch in mittlere Schichten aus, wo man nun ganz selbstverständlich etwa künstlerische Werke erwarb. (Ja, die Niederlande hatten Kolonien, aber ob man den relativen Wohlstand breiterer Schichten in dieser bürgerlichen Gesellschaft mit der kolonialen Ausbeutung erklären kann, wage ich jedenfalls für das 17. Jh. doch sehr zu bezweifeln).

Mit anderen Worten: selbst wenn sich die Lage für die Unterstschichten verschlechtert haben sollte, heißt das nicht, dass die Gesellschaft insgesamt pauperisiert wurde bzw. werden musste, um die fabrikmäßige und arbeitsteilige Produktion einzuführen. Trotzdem sind Lohoffs Ausführungen verführerisch, auch wenn sich der faktenbasierte Argumentationsfaden immer wieder mit logischen Argumentationsketten verschlingt, die (mich) eher weniger überzeugen. Zwar kann man seiner Logik nicht vorwerfen, dass es sich um eine "durch konsequente Mathematisierung völlig sinn- und begriffsentleerte Disziplin" handelt (wie er in Bezug auf die Ökonomie so hübsch und nicht ganz unzutreffend formuliert). Doch scheint mir seine Logik wenn nicht sinnleer, dann doch manchmal realitätsfern zu sein.

Richtig aufregend ist sein "Exkurs" (Ziff. 3), in welchem er den Ursachen der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung von der Agrargesellschaft zum Kapitalismus nachspürt. Aufregend ist das besonders dann, wenn man den brillanten Aufsatz von Robert Kurz kennt, der u. d. T. "Der Knall der Moderne. Mit Moneten und Kanonen. Innovation durch Feuerwaffen, Expansion durch Krieg: Ein Blick in die Urgeschichte der abstrakten Arbeit" in der Zeitschrift "Jungle World", Ausgabe 03/2002, erschienen ist. Beide Autoren (Kurz naturgemäß ausführlicher) führen die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsweise auf den ökonomischen (wenn ich mal salopp sagen darf:) "Stress" zurück, welchem das System durch die Erfindung der Schusswaffen ausgesetzt war.

"Es ist von daher nicht übertrieben, den Urknall der Moderne in der oberrheinischen Alchimistenküche des Berthold Schwarz auszumachen" meint Lohoff (der den Aufsatz von Kurz nicht erwähnt).
Fast wortgleich hatte schon Robert Kurz formuliert, aus dessen interessanten Ausführungen hier etwas ausführlicher zitiert sei: "Irgendwann im 14. Jahrhundert muss es irgendwo in einer südwestdeutschen Alchimistenküche einen gewaltigen Knall gegeben haben; eine unvorsichtig zusammengestellte Mischung aus Salpeter, Schwefel und anderen Chemikalien flog in die Luft. Der wissbegierige Mönch, der dieses Experiment veranstaltete, hieß Berthold Schwarz. Genaueres wissen wir nicht von ihm. Aber jene Explosion ist wahrscheinlich der eigentliche Urknall der Moderne gewesen [Hervorhebung von mir]. Die Chinesen kannten das Schießpulver übrigens schon lange vorher und nutzten es außer für prachtvolle Feuerwerke gelegentlich auch militärisch. Aber sie kamen nicht auf die Idee, mit Hilfe dieses Explosivstoffes weit tragende Distanzwaffen für Projektile herzustellen, deren Wirkung im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagend war. Diese Anwendung blieb den frommen Christen Europas vorbehalten. Nachgewiesen ist der Einsatz eines Geschützes erstmals für das Jahr 1334, als Bischof Nikolaus I. von Konstanz damit die Stadt Meersburg verteidigen ließ."

Die Grundlegung der kapitalistischen Ökonomie aus der modernen Kriegführung bei Kurz und Lohoff (die zum Zeitpunkt der Abfassung beider Aufsätze in der Redaktion der postmarxistischen Theoriezeitschrift "Krisis" vereint waren, aus welcher Kurz später wegen eines Glaubenskrieges um irgend eine Haarabspaltungstheorie seinen Abgang zum Exit machen musste) hat gedanklichen Charme und (besonders in ihrer ausführlichen Variante bei Kurz) eine große intellektuelle Strahlkraft. Trotzdem greift sie für historisches Denken letztlich irgendwo zu kurz. Warum hat Berthold Schwarz das Schwarzpulver erfunden, warum geschah das gerade in jener Zeit und warum hat es der Westen kriegstechnisch genutzt, die Chinesen aber kaum? Eine verführerisch prägnante Vorstellung ist das: es knallt, und die Blume der Moderne entfaltet ihre Blätter wie ein Tischfeuerwerk zu Silvester. [Durchaus möglich übrigens, dass der Vergleich in gewisser Hinsicht gar nicht so weit hergeholt ist: wenn nämlich unsere zivilisatorische Kunstblume ihre Ressourcengrundlage verbraucht haben und in sich zusammenfallen sollte.]

In historischer Perspektive erscheint mir deshalb zunächst die Vorstellung von Oswald Spengler überzeugender, der diesen Zug zur Ferne quasi genetisch in unserer Kultur angelegt sieht. Da schüttelt sich zwar, wer ein rechter Linker ist. Wenn man indes an die Wikinger/Waräger denkt, oder an die Kreuzzüge und himmelhoch strebenden Kathedralen der Gotik mit ihren Spitzbogenfenstern, gewinnt eine solche Vorstellung (mit der Kultur als Meta-Organismus gedacht) durchaus Plausibilität. Und ebenso vor der Erfindung des Buchdrucks (was interessanter Weise ebenso am Rhein passierte wie vermutlich das erste Zusammenmixen des Schwarzpulvers). Auch der Druck mit beweglichen Lettern war ursprünglich schon früher in Ostasien entwickelt, dort aber gleichfalls nicht in größerem Maße eingesetzt worden. In Europa dagegen verbreiteten sich nach seiner (eigenständigen) (Wieder)Erfindung die Druckstätten wie ein Lauffeuer (die arbeitslos gewordenen Schreiber mögen gesagt haben: "wie die Pest"). (Merkwürdig übrigens, dass Leute wie Lohoff und Kurz, welche doch das System mit Letternblei abschießen wollen, die Bedeutung des Buchdrucks für die Formierung der Industriegesellschaft anscheinend relativ gering einschätzen.) Es muss also spezifische Bedingungen gegeben haben, die gerade Europa und gerade diese Epoche zur Wiege der Moderne gemacht haben.

Jenseits der geographischen Frage (und jenseits von Oswald Spengler) darf man wohl davon ausgehen, dass die Menschheit irgendwie "reif" war für den zweiten großen Sprung nach vorn, nämlich von der Agrar- zur Industriegesellschaft. (Der erste große Sprung war natürlich der Übergang von der Stufe der Jäger und Sammler zur Agrargesellschaft, welcher nach Meinung etwa von Jared Diamond – ebenfalls - mit Not und Elend erkauft wurde, vgl. seinen Aufsatz Another Way of Knowing : Jared Diamond: The Worst Mistake in the History of the Human Race.)

In dieser evolutionsgeschichtlichen Dimension sehe ich die eigentliche Ursache, das primum movens, für den "Urknall der Moderne" begründet. Denn wie auch immer man die Entwicklung von der Agrar- zur Industriegesellschaft im Hinblick auf das physische und/oder psychische Wohlbefinden der Massen oder Benthams "greatest happiness of the greatest number" beurteilen will: ein Fortschritt im wertneutralen Sinne einer Entwicklung hin zu größerer Komplexität ist die Moderne allemal. Insoweit stellt sich die Menschheitsentwicklung als konsequente Fortsetzung der Evolution dar, die ebenfalls immer komplexeren Lebensformen hervorgebracht hat, und dies mit gleichfalls ständig steigender Geschwindigkeit. Insoweit ist es auch ziemlich nutzlos, wenn wohlmeinende Menschen uns sagen, wir müssten die ökonomische Beschleunigung abbremsen, und wenn sie dabei gar noch auf die Evolution verweisen, die ihre Strategien in Jahrmillionenlangen Test von Versuch und Irrtum erprobt habe. Wir selbst und unsere Gesellschaft sind lediglich das Ergebnis dieser Evolution, die schon vor unserer Zeit kräftig Anlauf genommen hatte und sich in unserem Wirken zu einer vielleicht selbstvernichtenden Geschwindigkeit weiterentwickelt – und wohl weiterentwickeln muss.

Die Evolution ist das System, in dem wir gefangen sind. Auch die Rationalität ist in der Evolution entstanden und bleibt zwangsläufig in sie eingebettet. Sie ist eine (im Vergleich zur Tierwelt) fortgeschrittene Datenverarbeitungsstrategie, mit welcher (nur) Menschen bestimmte Aktionen oder Aktionsketten im Rahmen der ihnen individuell oder im Kollektiv zur Verfügung stehenden Informationsverarbeitungskapazität im voraus planen und im Ablauf steuern können. Für einen Ausstieg aus dem Käfig der Evolutionsrakete ist dieses uns mächtig erscheinende Werkzeug gänzlich unbrauchbar.
Trotzdem wiederholen wir alle (wahrscheinlich auch ich selbst) immer wieder unsere Ausbruchsversuche. Und ziehen uns auf diese Weise vermutlich die Schlingen der Evolution immer enger um den Hals.

Listig ist das Leben, dumm die Vernunft!

Die Erkenntnis, dass wir nur Treibholz in den Stromschnellen der Entwicklung des Lebens sind, ist freilich zu banal, um Menschen zu gesellschaftlichen Umgestaltungen zu motivieren. Vielmehr übersetzt sich der auf welche Weise auch immer vermittelte evolutionäre Akzelerations-Impetus auf der sozialen und psychologischen Ebene in konkrete Motivatoren und wird (vordergründig wirklich, letztlich jedoch nur scheinbar) allein durch diese weitergetrieben.
Insoweit sind wir Menschen Karottenjäger wie die Langohren beim Hasenrennen. Nur leben wir nicht vom Brot allein, für uns müssen Karotten auch geistig sein.
Solche heißen dann das Eigentliche, Wesentliche, das Ziel der Geschichte oder was auch immer.

Der wahre archimedischen Punkt wäre jenseits von unserer evolutionsgeschichtlichen Bedingtheit zu suchen. Diesen aber zu erreichen würde voraussetzen, dass wir unsere Natur total transzendieren könnten und also gottgleich wären. Und an Gott glauben Denker aus der marxistischen Schule (wie Lohoff) genau so wenig wie der philosophisch ungeschulte und hoffentlich auch schulenlos bleibende Verfasser vorliegender Zeilen.


Mit einem hoffnungsfrohen Finale lässt Lohoff seinen Essay ausklingen:
"Freundlichere Zukunftsaussichten kann nur eine soziale Bewegung eröffnen, die sich der durch die letzten zwei Jahrhunderte hindurch so selbstverständlich gewordenen Expropriationslogik nicht unterwirft, sondern mit ihr bricht, eine Bewegung, die sich aufmacht, die Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums ohne Kotau vor dem Diktat der Knappheitsrelationen nach rein stofflichen Kriterien anzueignen."

Genau das ist auch meine Meinung, nur würde ich persönlich das etwas anders formulieren:

"Der in die Wanne der Welt geworfene Mensch entbehrt in seinem Dasein dumpf dämmernder Dürftigkeit der Wonne wahrhaftiger Wirklichkeit. Nur wenn er in erwachender Entgrenzung das wirkliche Wesen seines Seins aus dem jeweils vereinzelten Verlassen-Sein entbirgt, indem er sein bedingtes So-Sein mit dem wuchtenden Wirken des Waffe gewordenen Wortes zernichtet, kann er das Allein-Sein überwinden zu einem Eins-Sein mit dem unbedingt Seienden an sich."

Für alle diejenigen, denen die Übersetzung der Lohoffschen Sozialutopie in meine eigenen schlichten deutschen Wort immer noch zu wenig anschaulich ist, sage ich noch konkreter:

Om mani padme hum
Om mani padme hum
Om mani padme hum
Om mani padme hum
Om mani padme hum
etc. ad infinitum oder ad nauseam


Es fällt halt der Diskurs der Eigentlichkeit wie weiland der Pfingstgeist in zahlreichen Zungen auf die Menschen im Wiesengrunde.    



Textstand vom 15.04.2007. Auf meiner Webseite
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Samstag, 29. Oktober 2005
 
EINE TEUFLISCH SCHMUTZIGE ÜBERRASCHUNG oder HELLO, WEENING YOU BOUGHT A BRAND NEW DIRT DEVIL?
Noch zwei Monate bis Weihnachten, doch die Überraschung beim Auspacken kam schon heute.

Wir waren die Beutelschneiderei beim Staubsaugerbeutelkauf leid und kauften einen beutellosen Schmutzteufel (im Media Markt in Fulda).

Die Verpackung war unbeschädigt; beim Abreißen des Klebestreifens löste sich unvermeidlich ein Teil der bedruckten Papierschicht auf dem Karton ab. Kleinteile zuerst rausgenommen, darunter die Bodendüse: Beutel eingerissen - ??? Bürste verdreckt, Düse am Ansatz staubig, Chromteile unter der Düse verkratzt: die muss jemand ganz schön gebraucht haben, bevor –wer? – sie wieder in den Karton gepackt hat. Nein: "der" Verkaufskarton kann es eigentlich nicht gewesen sein, sondern ein neuer, denn wie hätte ein Käufer ihn öffnen können, ohne die bedruckte Papierschicht auf der Pappe zu beschädigen? Unmöglich.

Also muss der Sauger vom Laden? vom Werk? in einen neuen Karton umgepackt worden sein. Hat ein Mitarbeiter sich einen neuen Staubsauger unter den Nagel gerissen, und eine Retoure, vielleicht sogar eine defekte, eingepackt? Wir haben ihn nicht ausprobiert und das Gerät nicht einmal ausgepackt. Erst bei der Rückgabe stellten die Verkäufer fest, dass nicht nur die Rollen für die Bodendüse fehlten, dass diese überhaupt nicht zum Modell gehörte und dass der Staubsauger, der rot hätte sein sollen, blau war.


Zur Ehre der Wahrheit und des Media Marktes bleibt nachzutragen, dass uns der Kaufpreis problemlos erstattet wurde.


Nachtrag vom 23.11.05:
"Non tutto il male vien per nuocere":
Heute das gleiche Modell (d. h., dasjenige Modell, welches eigentlich im "Halloween"-Karton hätte sein sollen) im Globus gekauft. Ebenfalls mit fünfjähriger Jubiläumsgarantie, aber mit 59,99 € um 20,- € billiger!



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Montag, 24. Oktober 2005
 
BENEVOLENZDIKTATUR AM GELDAUTOMATEN


Nein: so wohlwollend, dass er mir beim Abheben auf die Finger klopft, ist der Geldautomat meiner Bank nicht.
Stattdessen bringt mich die "benevolent dictatorship" des Geldinstituts auf eine schiefe Ebene. Wenn ich versuche, meine Umhängetasche abzustellen, oder mein Portemonnaie abzulegen, oder den Kontoausdruck: überall im Automaten(vor)raum treffe ich auf abweisend schräge Oberflächen.

Auch wenn mich das manchmal stört und zu akrobatischen Balanceakten zwingt: den Zweck dieses Ausstattungsdetails kann ich immerhin nachvollziehen. Das Geldhaus bewahrt die Automatenkunden auf diese Weise wohlmeinend vor den Folgen ihrer eventuellen Vergesslichkeit.

Anders dagegen an meinem Arbeitsplatz. In diesem Bürogebäude sind die Fensterbänke sogar innen abgeschrägt. Das irritiert mich wirklich. Und meine wild wuchernden Buntnesseln (Coleus) in ihrem großen Balkonblumenkasten ärgert das ebenfalls.    


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Sonntag, 23. Oktober 2005
 
WINGED VICTORY ÜBER DIE BODENVERSIEGELUNG oder LASS DEINER GIESSKANNE FLÜGEL WACHSEN!



Nein, hier geht es nicht um jene griechische Siegesgöttin Nike, deren auf Samothrake gefundene Statue im Louvre ausgestellt ist, und die auf Englisch "Winged Victory (of Samothrace)", auf Deutsch "Nike von Samothrake" und auf französisch ""Victoire de Samothrace" heißt. Hier geht es um eine Erfindung, welche ich heute Nacht gemacht, halb im Traum und halb erwacht.

Den Anstoß gab ein großer Karton mit Laubkrallen, die wir gestern in einem Warenhaus in Fulda sahen. Wir kannten solche Geräte nicht und assoziierten bei ihrem Anblick zunächst Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes" ("Decline of the West"): von der Höhe der Kultur zum immer nutzloseren Plunder der Zivilisation. (Überhaupt leidet unsere Zivilisation ja gewissermaßen an Kernfäule: in den Läden und Kaufhäusern der Innenstädte erhält man – teuer – alles, was man nicht braucht. Will man Produkte kaufen, die man wirklich benötigt, muss man nach draußen ins Einkaufszentrum fahren.)

Falls Sie Laubkrallen ebenfalls nicht kennen, und sich auch nichts darunter vorstellen können: es handelt sich um Plastikwerkzeuge, die entfernt an die Form einer Jakobsmuschel erinnern. Nur ist die schmale Seite verlängert zu einem Griff. Man schiebt seinen Arm dort unter einem Bügel durch, und die Finger finden Halt an einem Wulst, so dass das man das Ganze fest im Griff hat und es quasi einer verlängerten Hand gleicht. (Einen Bildlink kann ich leider nicht setzen; es scheint, als sei das Werkzeug kein Renner gewesen und teils bei den Einzelhändlern wieder ausgelistet, teils sind diejenigen Händler, welche solche Dinge verkauft haben, wohl pleite gegangen, jedenfalls sind manche Webseiten verschwunden.)
Immerhin, einen Nutzen mögen sie doch haben, die Laubkrallen: wenn man solche verwendet, anstatt das Laub etwa mit den Händen aufzusammeln, vermeidet man den vollen Griff in jene Sch., welche Hunde dort deponiert haben könnten. (Meine Belle Jardinière denkt immer sehr viel praktischer als ich.)

Mit muschelförmigen Gebilden kann man aber, statt Laub aufzukehren, auch Wasser auffangen. Stellen Sie sich eine Art Gießkanne vor, oben ganz offen und ohne den üblichen Bügelgriff. Der Rand als Wulst leicht nach innen eingewölbt, und darin Haltelöcher. In diese kann man nun flügelartige Plastikschalen einschieben, die den Segen eines frischen Landregens (oder Gewitterregen: das verkürzt die Füllzeit) auffangen und in die Gießkanne leiten. Da der Bügelgriff weggefallen ist, muss man die Kanne allerdings zweihändig wie einen Bidenhänder oder Zweihänder fassen, indem man jeweils einen Griff hinten und vorn an der Tülle anbringt.

Praktisch, gelle? Oder jedenfalls nicht weniger dringend nötig, als eine Laubkralle.

Die geflügelte Gießkanne kann man aber sogar noch mit einem zusätzlichen Kaufappeal versehen, indem man die Frontpartie wie ein Gesicht gestaltet. Dieses müsste entsprechend der Kaufjahreszeit variieren: zu Weihnachten ein Nikolaus, zu Ostern ein Hase oder derzeit ein Halloweensgesicht. Überhaupt bin ich mir gar nicht sicher, ob nicht auch die gegenwärtig überall auftauchenden Fledermausflügel Pate gestanden haben bei meiner Produktidee.

Indes fehlt den Fledermäusen jenes teuflische Halloweensgrinsen, welches jene von mir zu erwarten haben, die etwa zu sagen wagen sollten: "Ceci n'est pas un arrosoir".



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Montag, 17. Oktober 2005
 
DISKURS ÜBER DIE GRAVITATION DES GELDES oder TRICKLE DOWN ECONOMY FUNKTIONIERT DOCH!


Die Reichen behaupten und die Armen glauben, dass das Geld nach unten durchrieselt.

Recht haben sie!

Man muss nur die gedachte Sickerstruktur gewissermaßen einer Karl-Marx-Transformation unterziehen, d. h. man muss sie vom Kopf auf die Füße stellen.

Unten ist, wo die Füße sind. Die Füße sind unten, weil die Schwerkraft sie dort festhält, bzw., wenn der Mensch Luftsprünge macht, weil die Gravitation sie nach unten zieht.

Auch das Geld, bzw. die Arbeitsleistung, wenn sie in Geld verwandelt ist, unterliegt dem Gesetz der Schwerkraft, dem Gesetz der sozialen Gravitation, könnte man es auch nennen. Deshalb muss das Geld ebenfalls nach unten fallen bzw., soweit es am freien Fall gehindert ist, dennoch unaufhaltsam nach unten durchsickern.

Aus der Tatsache, dass sich das Geld immer bei den Reichen sammelt und dass jene, die viel Geld haben, sogar nach biblischen Grundsätzen immer mehr bekommen ("Wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben"), während der Arme entsprechend erleichtert wird ("Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen werden, was er hat"), folgt logisch zwingend, dass wir es hier nicht mit einer sozialen Pyramide zu tun haben, sondern mit einem sozialen Trichter, in welchem die Reichen dort stehen, wo die Liquidität unaufhörlich hinabtropft und sich sammelt, gleichwie das Sickerwasser in einer Sinterhöhle, nämlich am Boden unserer Gesellschaft.
Dies war zweifellos auch der Grund, weshalb Dante sein Höllenloch trichterförmig aufgebaut hat. Unten sitzen die Reichen, die ja bekanntlich eher durch ein Nadelöhr gehen, als ins Himmelreich kommen. "Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme."

So vereinigen sich biblische Weisheit und zeitgenössische Angebotsökonomie zu der Einsicht, dass die Trickle-Down-Economy quasi ein Naturgesetz ist.


Nur unser Sprichwort vom Teufel und dem größten Haufen, das müssen wir dahingehend modifizieren, dass der Teufel seine Stoffwechselprodukte immer in den tiefsten Trichter fallen lässt.


Nachtrag 07.11.2008:
Dem oben geschilderten Versickern des Geldes in die Taschen der Wohlhabenden verdankte ("arguably", wie man im Englischen sagen würde, also: umstritten) die Welt ihre Weltwirtschaftskrise ("Great Depression") am Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts und m. E. auch die aktuelle Krise, die vielleicht noch schrecklicher werden wird (weil die Heilkräuter der Finanzwirtschaft sich wegen der Erschöpfung der natürlichen Ressourcen als fauler Zauber entpuppen werden).
Die englischsprachige Wikipedia zitiert in dem Stichwort "Great Depression" unter dem Zwischentitel "Inequality of wealth and income" einen gewissen Marriner Stoddard Eccles zitiert. Der Mann war immerhin Vorsitzender der Amerikanischen Notenbank ("served as Franklin D. Roosevelt's Chairman of the Federal Reserve from November 1934 to February 1948" heißt es in der Wikipedia) und hat in seinen Memoiren "Beckoning Frontiers" (New York, Alfred A. Knopf, 1951) auf S. 24 die Gründe für den ökonomischen Zusammenbruch dort gesehen, wo auch ich sie heute (zum großen Teil) vermute (meine Hervorhebungen):

"As mass production has to be accompanied by mass consumption, mass consumption, in turn, implies a distribution of wealth -- not of existing wealth, but of wealth as it is currently produced -- to provide men with buying power equal to the amount of goods and services offered by the nation's economic machinery.
Instead of achieving that kind of distribution, a giant suction pump had by 1929-30 drawn into a few hands an increasing portion of currently produced wealth. [Ich würde statt von Saugpumpe eher von einer Trickle-Down-Wirtschaft sprechen: richtig herum betrachtet.] This served them as capital accumulations. But by taking purchasing power out of the hands of mass consumers, the savers denied to themselves the kind of effective demand for their products that would justify a reinvestment of their capital accumulations in new plants. In consequence, as in a poker game where the chips were concentrated in fewer and fewer hands, the other fellows could stay in the game only by borrowing. When their credit ran out, the game stopped.
That is what happened to us in the twenties
."

Nur leider brächte uns eine Expropriation der Expropriateure die erschöpften Rohstoffvorkommen nicht zurück und könnte sogar zu einem noch schnelleren Umweltverbrauch führen.


Nachtrag 28.02.09
Meine eher gefühlte Beschreibung der Geldversickerungsmaschinerie unterlegt der Blogger Heribert Genreith in seinem Eintrag "Die Mutter aller Blasen: Warum diese Krise keine normale Blase ist" vom 20.02.09 mit Fakten, Fakten, Fakten. Das ist (zwangsläufig, wenn man präzise sein will) sehr mathematisch und darum für mich in den Einzelheiten kaum wirklich verständlich, aber sein Fazit begreife auch ich:
"Etwa ab der Jahrtausendgrenze übersteigen allein die Zinsforderungen aus dem Zuwachs(!) der Aktiva den gesamten noch möglichen Zuwachs aus BIP. Was dies für den Durchschnittsbürger bedeutet, hat man in den fetten Aufschwungsjahren nach 2000 gut sehen können: Der Aufschwung kam nicht mehr beim Arbeiter und Angestellten an. Und das trotz aller Verzichte und Rücknahme von Sozialleistungen. Denn ab dem Break 2000 streiten sich Vermögen und Schaffende um den Zuwachs aus dem BIP. Da die Banken aber definitiv am längeren Hebel sitzen, kam der Aufschwung nicht mehr unten an, weil er über Finanztricks aller Art abgeschöpft wurde."
Die Zinsen scheinen mir freilich mit 7,5% und 10% recht hoch angesetzt. Insbesondere bei den Derivaten dürfte außerdem wegen der Hin- und Her-Handelei ein ziemlicher Anteil der Zinsen in Form von Löhnen, Gehältern, Boni (!) und sonstigen Kosten wieder dem Konsum zugeführt werden, also in der Realwirtschaft landen.

In abstrakterer Form, unter Verwendung variabler Annahmen (und für sogar mich, trotz mathematischer Unbelecktheit, auch einigermaßen nachvollziehbar), behandelt Genreith das 'Trickle-Down-Problem' auf seiner (auch sonst interessanten) Homepage auf der Seite "Wirtschaftskrisen".




Textstand vom 28.02.2009. Auf meiner Webseite
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Dienstag, 11. Oktober 2005
 
REICH DURCH HALL?
"Danke!" sagte mir mein Rückgrat, als es heute morgen aus murmeltierischem Schlaf auf harter heimischer Unterlage erwachte.
Davor hatte es sich 10 Nächte lang auf einer watteweichen Matratze, mit einer Kuhle wie einer Karst-Doline am Untersberg (auch sonst eine gefährliche Gegend!), durchgelegen. Und auch das Sofa und die Sessel der Ferienwohnung waren so beschaffen, dass mir die Frage in den Sinn kam, ob die deutsche Polstermöbelindustrie einen "kickback" von den deutschen Orthopäden erhält. (Jedenfalls hätte sie für eine ganze Reihe ihrer Produkte einen 'kick in the back', in den verlängerten, verdient.)


Aber das nur am Rande; erzählen wollte ich von einem insgesamt doch recht angenehmen Urlaubsaufenthalt in BAD REICHENHALL.


Im Land von Laptop und Lederhose muss ein Gewerbeverein natürlich einen Innovationsclub haben. Dass dieser einen Flohmarkt veranstaltet, ist eher erfreulich als innovativ; dass er den so gut wie gar nicht ankündigt und bewirbt, ja, das dürfte immerhin insofern innovativ sein, als es wohl nicht häufig vorkommt. Für die Verkäuferin im Ladengeschäft unten in unserem Unterkunftshaus war es genau so eine Überraschung wie für mich, als wir am Samstag Morgen auf dem Rathausplatz in Bad Reichenhall zahlreiche Flohmarktstände aufgebaut sahen.
Das Angebot war vielfältig und insgesamt durchaus nicht ramschig, und Manches wäre recht günstig zu haben gewesen. Da ich aber die Frage "Wo stellen wir das hin" bzw. "Was werfen wir dafür weg" nicht beantworten konnte, trollte ich mich zum Bäcker, dem eigentlichen Ziel meiner morgendlichen Exkursion.

Der Brötchenkauf erwies sich als Problem, weil ich natürlich keine Lupe dabei hatte. Und ohne eine solche Sehhilfe waren die Semmeln kaum wahrnehmbar. Auch das ist nicht innovativ; schon im Mittelalter gab es Bäcker, die zu kleine Brötchen buken oder backten. Damals wurden die Klein-Bäcker von der Staatsgewalt mittels einer speziellen Vorrichtung kalt gebadet. Leider hat sich, aller Nostalgieseeligkeit zum Trotz, dieser schöne Rechtsbrauch nur noch in Friedberg (Bayern) erhalten, wo man ihn wenigstens im Rahmen des Altstadtfestes "Friedberger Zeit" noch pflegt.

Gute Tradition ist mittlerweile auch, dass immer dort wo, und immer dann wann wir in Urlaub fahren, ein Bücherflohmarkt stattfindet.
Nachdem Garmisch-Partenkirchen in diesem Jahre davon sogar zwei anbot (DRK und Lions Club), wollte Bad Reichenhall nicht zurück stehen und veranstaltete am Samstag, 02.10.05, ebenfalls –2- Bücherflohmärkte: vormittags die evangelische Gemeindebücherei (in deren eigentlichen Räumen es indes, wie wir später sahen, einen Dauerbücherflohmarkt gibt) und nachmittags die (katholische) "öffentliche Bücherei St. Zeno". Dank an jene meist älteren Damen, welche in den kirchlichen Büchereien ehrenamtlich dem Gemeinwohl dienen.
Übrigens gibt es hier, genau wie in Garmisch-Partenkirchen auch, insgesamt sogar –3- Büchereien, nämlich noch diejenige der katholischen Pfarrei St. Nikolaus. Dass in dem relativ kleinen Bad Reichenhall (ca. 18.000 Einw. gegen ca. 29.000 in GAP – Quelle: Wikipedia) –2- katholische Gemeindebüchereien existieren, hat vielleicht ebenfalls historische Gründe, denn St. Zeno war bis 1906 (wie Partenkirchen bis 1936) eine eigenständige politische Gemeinde.
Ein Betriebswirtschaftler würde hier natürlich gleich Synergieeffekte entdecken und diese durch einen "Merger" heben wollen. Aber, wie in der richtigen Wirtschaft, kann so etwas auch schiefgehen. Mit dem freiwilligen Engagement der Damen, die vielleicht in erster Linie ihrer jeweiligen Kirchengemeinde und erst in 2. Linie dem Dienst am Buch verbunden sind, wäre es dann möglicher Weise vorbei. Und nach einer "Verstaatlichung" kämen nicht nur große (Personal-)Kosten auf die Kommune zu, sondern den Benutzern auch kundenfreundliche Öffnungszeiten abhanden. Denn an Sonntagen öffnet wohl keine einzige öffentlich bedienstete Stadtbibliothek in Deutschland ihre Tore.


Durch Parks und Stadt bummeln wir in den Abend hinein. Dem asphaltdurchzogenen Kurgarten, mit seinen Blumenrabatten typologisch näher am "französischen" Gartenstil, kontrastiert ein auf den neueren, auch großmaßstäblichen, Stadtplänen der Kurverwaltung namenloser Park mit englisch-grünen Durchblicken, der in meinem alten Plan, so von tiftig/einentiftig stammend, mit "Karlspark" oder "Stadtpark" beschriftet ist. (Na gut: dafür hat der alte Plan auch eine "Schutzgebühr 20 Pfennig" gekostet, während es die phantasievoller gestalteten neuen gratis gibt.)
Im Karlspark speist eine sprudelnde Quelle einen teichfolienunterfütterten, aber nichtsdestotrotz romantischen, Sumpf.
Den Gang durch beide Parks kann man als eine schöne Kombination von "Atem anhalten" und "befreit durchatmen" verstehen.

Noch andere Parks bietet die Stadt, doch wir schlendern jetzt durch einen Teil der Fußgängerzone, die "Einkaufsmeile", wie der langjährige Heimatpfleger Fritz Hofmann* sie später in einem Vortrag über "Sole und Salz in der Heimatgeschichte" nannte (und eine weitere, parallele, bezeichnete er ebenso treffend die "Fressmeile"). An Brunnen vorbei, von denen Bad Reichenhall mehr besitzen soll als Rom und Salzburg zusammen (na, na, Fritz Hofmann: ob das auch stimmt?) laufen wir über magisch leuchtende Pflastersteine. Vergleichend versuchen wir das Erlebnis der Stadt zu verarbeiten.
Meine fest akkreditierte Kulturkonsulentin bringt es auf den Punkt: "Eine Mischung aus Garmisch-Partenkirchen und Baden-Baden" nennt sie Bad Reichenhall.
Nur hat die Stadt von beiden weniger: weniger Alpenpräsenz im Blickfeld und weniger Belle Epoque in Geschichte und Ortsbild. Hierher kommen und kamen offenbar auch schon früher die Gäste eher als Kurende denn als Kurlauber. Immerhin: eine frei gelassene (oder renovierte?) Stelle auf der Seitenwand eines Hauses erinnert noch an jenen
Schneider Walzel aus Wien, welcher Damentoiletten sowohl im französischen wie auch im englischen Stil anfertigen konnte und in der Wintersaison in Meran couturierte (wo er hoffentlich den Damen auch für die Sommerpromenade die passende Montur verpassen konnte).
[Das Foto des Firmenschildes stammt von unserem Osterurlaub 2008 - erg. 13.04.08]
















Man tut viel, um den Anschluss an die attraktiven 'Sonnenziele' nicht zu verlieren. (Z. B. können Kurkarteninhaber in der Trinkhalle gratis im Internet surfen.) Trotzdem hörten wir, dass hier vor 20 Jahren noch deutlich mehr Juweliergeschäfte ihr Auskommen gefunden hätten als heute.
So wird es auch nicht leicht sein für jene kleine Kunstgalerie "Abraxas" von Helma Lea Türk (und die anderen dort angesiedelten Geschäfte), abseits vom Zentrum in der Predigtstuhl-Passage von den Kunden entdeckt und frequentiert zu werden. Eine ihrer Keramik-Kreationen erinnert mich an Türme von Gaudi, oder an Südtiroler Erdpyramiden. Doch soll es nur das Ausgangsmaterial des ungebrannten Hohlziegelstein gewesen sein, welches, aufeinandergetürmt, solche Assoziationen im Betrachter erweckt. An den Wänden sind Akte (und einige Landschaften) einer österreichischen Malerin zu einer Ausstellung versammelt.

Den Floriansplatz ziert ein imitiertes Bergmassiv, von einer dort ansässigen Gärtnerei errichtet und mit Alpenpflanzen geschmückt. Werbung und Zierde zugleich.
Im altmodisch-gemütlichen "Paffei" in der Nähe macht uns der Heurige (welchen wir im Gedenken an vergangene Wien-Aufenthalte konsumieren) müde.
Trotzdem findet meine fest akkreditierte Chefin de Cuisine später noch die Kraft, Steaks zu brutzeln.

Vor das Erreichen unserer Ferienwohnung haben wir das Bergsteigen gesetzt: sie liegt im 3. Stock. Haben wir natürlich bewusst so ausgesucht: um zu üben. Glauben Sie nicht? Tja, wenn Sie nicht mal das glauben: was soll ich Ihnen denn sonst vorl.., äh, ich meine natürlich: erzählen? Also, wir wohnen deswegen so hoch, damit außer den Dohlen niemand in unser Balkonfenster mit Burgblick schauen kann.

Ausruhend versuche ich, in Gedanken noch einmal die gesehenen Strukturen und gelesenen Fakten zu einem stimmigen Bild des Ortscharakters zusammen zu puzzeln. (Sehr informativ zur Entwicklung des Ortes als Bad ist die Festschrift "100 Jahre Bad Reichenhall. 1890 - 1990", die in dem teilweise recht interessanten Heimatmuseum wohlfeil zu haben ist). Das moderne Kurgastgebäude mit dem warmen Sonnenuntergangsfarbton seiner Wände. Die imposante Dachlandschaft des neobarocken alten Kurhauses, kurz vor dem 1. Weltkrieg erbaut. Die Kurmusik, bis zu dreimal täglich, mit deutlich mehr klassischen Musikanteilen als anderswo. Zusätzlich wird sogar z. B. ein Konzert mit geistlicher Musik in der (evangelischen) Kirche geboten.

Vor allem jedoch gibt es hier viel Mozart: für das Ohr, aber beinahe noch mehr für Augen und Gaumen. Hier in Bad Reichenhall sitzt die Fa. Reber, Produzentin der "Original Reber Mozart-Kugeln" (Hervorhebung von mir; warum – sehen Sie später!). Allüberall im Ort begegnet einem das Reber-Rot und der puder-perückte Mozart-Kopf, so häufig, dass ich morgens beim Zähneputzen schon das Rot der Ajona-Tube mit dem Reber-Rot verwechsele.
Stadt und Firma sind sozusagen eine Symbiose eingegangen. Dagegen wäre an sich nichts zu sagen, denn in mancher Hinsicht sind die Mozartkugel-Macher durchaus eine Bereicherung für Bad Reichenhall. Zunächst schon dadurch, dass ihre Werbung verschiedene Prospekte usw. mit finanzieren hilft.
Sodann führt die Firma Reber ein konsequent durchgestyltes Café. Ein Café? Nun ja, alles in einem Haus zwar, aber doch vier verschieden eingerichtete Räumlichkeiten. Es gibt ein Altes Café, ein Grünes Café, ein Boulevard-Café (beide rauchfrei) und ein "Florentiner Stüberl".
Freilich: zahlreiche Kaffee-Zubereitungen gibt es, aber kein Glas Wasser dazu, wie in guten alten Wiener Cafés.
Und die Torten? Also sagen wir es mal höflich: Diejenigen, die wir bestellt hatten, waren optisch anregend komponiert. Geschmacklich dominierten allerdings Buttercreme und Zucker.

Im Gartencafé kann man mit Konstanze (auch "Constanze" geschrieben) Nissen, geb. Weber, verwitwete Mozart, am Tisch sitzen. Etwas kalt ist die Dame allerdings, da aus Bronze. Immerhin: wo sonst hat Frau Mozart ein Denkmal bekommen? Ist doch nett von Fa. Reber, dass die auch an die Frau gedacht haben – und daran, auch Konstanze-Kugeln zu vermarkten. Läuft aber nicht so, wie gedacht. Vielleicht haben die einen Konstruktionsfehler? Müssten ja eigentlich wesentlich größer sein als die Mozart-Kugeln ... .
Wie wär's mal mit Bimberl-Pfoten? Bimberl hat nämlich auch ein Denkmal dort, so dass Wolfgang Amadeus Mozart, Konstanze Mozart und Bimberl Mozart (Quatsch: der hieß natürlich nur "Bimberl"!) glücklich bei Rebers versammelt sind – und Samstags vormittags regelmäßig einem Quartett mit Mozart-Musik lauschen dürfen.

Die Fa. Reber hat die Mozart-Kugeln zwar nicht erfunden, sondern die Idee – wie soll ich juristisch unverfänglich formulieren? – "entlehnt". Von einem Salzburger Konditor (s. u.). Die Originale sind größer (wir haben sie gekauft); Rebers Mozartkugeln schmecken allerdings besser.

Trotzdem: einen näheren Bezug zu Bad Reichenhall hatte Mozart nicht (durchgereist ist er, hat auch mal ein paar Takte auf der Orgel in St. Zeno gespielt). Dass die Fa. Reber den Generalsponsor zur Salzburger Gedenkausstellung zum 250. Geburtsjahr von Mozart macht, ist dennoch verständlich. Dass jedoch Bad Reichenhall das ganze Jahr 2006 musikalisch vermozarten will, zeugt nicht gerade von Originalität. Denen ist offenbar nichts besseres eingefallen, als den Salzburgern ein Stückchen Mozart zu klauen.
Wären sie etwas pfiffig gewesen, hätten sie sich als Konkurrenz geoutet (die sie touristisch ja auch sind), indem sie ein Festival mit Musik der seinerzeitigen Mozart-Konkurrenten veranstaltet hätten: Salieri & Co.: "Mozarts Beschatter – In Mozarts Schatten". Das ortseigene Orchester, die Bad Reichenhaller Philharmonie, kann sicherlich auch andere Komponisten als Mozart spielen. Aber damit wäre die kreative Phantasie in der "Alpenstadt 2001" und in Deutschlands erstem "Alpine-Wellnes-Ort" wohl überfordert gewesen.
So hallt halt nächstes Jahr Mozart auch aus Bad Reichenhall, das sich mithin gewissermaßen am Widerhall von Salzburg bereichern will.

"Alpenstadt" und "Alpine Wellness" überfordern wiederum meine Fantasie. Im Ortsbild sind die Berge rings um die Stadt nämlich nur wenig präsent. Hier und da mal ein Durchblick auf das Lattengebirge mit dem Predigtstuhl, den Grenzgänger Untersberg, der teils zu Österreich, teils zu Deutschland gehört, der Hochstaufen mit seinen hochinteressanten Erdbeben usw. Gewiss: in Garmisch-Partenkirchen ist die Zugspitze fast doppelt so hoch, die Alpspitze markanter, und meist ist das Zugspitzmassiv von Schnee bedeckt; insoweit können die Berge hier nicht mithalten.

Trotzdem hätte sich für Bad Reichenhall die Möglichkeit geboten, die Bergblicke stärker in das Kurgeschehen einzubeziehen. Die Stadt liegt unterhalb der Abbruchkante eines Hügels (vielleicht eine einst von der Saalach abgeschliffene Uferböschung). Oben hat man herrliche Ausblicke, und dort liegt sogar eine Burg, "Gruttenstein" heißt sie. Nicht sehr beeindruckend zwar, wenn man gerade die Festung Hohensalzburg gesehen hat, aber immerhin: für die Einrichtung eines Cafés, eines "Gastgartens", eines gemütlichen Weinkellers hätte sie sich angeboten. Indes sind dort Wohnungen untergebracht und die Burg ist für Touristen unzugänglich.

Im 19. Jahrhundert, als Bad Reichenhall zum Kurort wurde, wäre es vielleicht noch möglich gewesen, dort oben eine Kurpromenade einzurichten; heute ist der Hang zugebaut. Man kommt zwar über verschiedene versteckte Wege hoch und kann dort oben auch laufen, aber eine "Gruttensteiner Allee" im Sinne eines Wandel-Weges gibt es dort nicht, auch nicht breite Verbindungswege, welche die Kur- und sonstigen Gäste hoch- und an anderer Stelle (etwa im alten Florianiviertel) wieder hin die Stadt hinunterführen würden. Vielleicht auch deshalb nicht, weil das Gebiet teilweise zu Bayerisch Gmain gehört. Jedenfalls blieb hier eine Chance zur Aufwertung von Bad Reichenhall ungenutzt.
Hier hat nun einmal kein Dostojewski gezockt, kein Turgenjew gewohnt, und nicht einmal ein Otto Flake den Großen und dem Gesellschaftsleben des 19. Jh. dichterische Denkmäler gesetzt.
Irgendwie bietet Bad Reichenhall dem Gast alles – außer der gelassenen Identität eines gewachsenen starken Profils.


Damit hat die Stadt Salzburg sicher keine Probleme. Solche hat eher, wer am deutschen Nationalfeiertag diese österreichische Grenzstadt besichtigen will. Dann nämlich schiebt sich eine Menschenmasse langsam durch die Getreidegasse ... . Dorthin kamen wir allerdings erst später. Durch Zufall entdeckten wir bei diesem Besuch zunächst eine uns bei früheren Aufenthalten verborgen gebliebene Sehenswürdigkeit: den alten, aufgelassenen Friedhof von St. Sebastian. Er war fast menschenleer und hätte ruhig sein können.
Eine Gruppe von Wohnsitzlosen, welche die Friedhofsarkaden für ihre gesellige Zusammenkunft nutzten, störte jedenfalls nicht weiter; außerdem saßen sie durchaus nicht grundlos auf jenem Friedhof, wo auch Philippus Aureolus Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus, ruht. "Alle Ding sind Gift und nichts ohn' Gift; allein die Dosis macht das ein Ding kein Gift ist" hat dieser gesagt, und das gilt ja nicht zuletzt auch für die Flüssigkeitsaufnahme der heimatlosen Friedhofsgäste. (Link zu einem Lexikon-Artikel im "historicum.net".)

Leider trieben zwei Schnitter ihr Unwesen und machten den Hof recht un-friedlich. Die Schnitter waren nämlich nicht hübsch leise, wie der echte christliche Traditions-Sensenmann, sondern kurvten motorlaut über den Rasen. Gut, dass hier nur die Witwe vom Mozart ruht, und nicht er selbst – der Wolfgang Amadeus würde glatt einen Gehörschaden bekommen.
Constantia von Nissen, bekannter als Mozarts Konstanze, muss halt durchhalten. Dass sie eine zähe Konstitution hatte, erkennt man schon daran, dass sie auch ihren 2. Ehemann "von Nissen" überlebt hat.

Solche historischen Gräber und Denkmäler sind ja recht interessant; geradezu faszinierend ist aber die mit farbigen Kacheln ausgekleidete (leider nur durch ein Gitter einzusehende und nicht beleuchtete) Gabrielskapelle [war verdammt zeitraubend, einen Bild-Link, bzw. sogar einen Video-Link dorthin zu finden!], ein Mausoleum des und für den (später abgesetzten und auf der Festung Hohensalzburg inhaftierten) früheren Fürsterzbischof von Salzburg, Wolf Dietrich von Raitenau (ob dieser Fürst auch Majoliken gesammelt hat?).

Die luftige Weite des Dom-Innenraumes im Stil der italienischen (Spät-) Renaissance beeindruckt mich nicht mehr in gleichem Maße wie bei meinem ersten Besuch in Salzburg, irgendwann Anfang der 70er Jahre. Letztlich ziehe ich die gemütliche Gotik des Netzgewölbewaldes der Franziskanerkirche vor, oder die gleichfalls gotischen Gewölbe in der ehemaligen Spitalskirche St. Blasius (wie die Gabrielskapelle auch nur durch ein Gitter zu besichtigen).
Und die Original Salzburger Mozartkugeln, die wir hier probierten, die von der Konditorei Fürst – nun ja, die hatte ich schon oben erwähnt. Besser munden uns die "Wolf Dietrich Blöcke", doch gibt es auch noch andere Spezialitäten.

Dass wir unseren Kaffee in der Getreidegasse bei McDonalds getrunken haben, muss ja niemand wissen. Wenn ich zu Ihren Gunsten, liebe(r) Leser(in), unterstellen darf, dass Sie nicht solche Kulturbanausen sind wie wir, andererseits aber snobistisch genug, um nicht mit Krethi und Plethi ihren großen oder kleinen Braunen in jenen lauschigen Innenhöfen einzunehmen, die man über Durchgänge von der Getreidegasse erreicht, empfehle ich Ihnen das "Toskana" in der Sigmund-Haffner-Gasse. Das ist schon insofern angemessen, als Salzburg, die Altstadt jedenfalls, im Stil vieler Bauwerke und Ensembles italienisch geprägt ist wie wohl keine andere Stadt im deutschen Sprachraum. Deckengewölbe mit farbigen Stuckornamenten verleihen diesem Café außerdem ein ganz besonderes Ambiente. Und das Publikum? Nun, das Café ist eine – Studenten-Mensa! Dieses Mal hatten wir genug Kaffee im Bauch; beim nächsten Mal aber werden Sie auch uns dort antreffen (und vielleicht anschließend doch wieder bei McDonalds – der Kaffee schmeckt da wirklich gut).

Bevor wir die Bahn zurück nach Bad Reichenhall besteigen, wollen wir nicht schon wieder chinesisch speisen, sondern mal richtig gepflegt dinieren. Schließlich hatten wir nicht umsonst vor 30 Jahren unseren Hochzeitstag in weiser Voraussicht auf den deutschen Nationalfeiertag gelegt. (Andere heirateten hier – zum Glück gibt's ja Österreich – sogar noch jetzt am deutschen Nationalfeiertag: ein Paar aus Asien hatte sich in den Marmorsaal des Schlosses Mirabell getraut, welcher deshalb unseren Blicken verborgen blieb.) So kehrten wir also da ein, wo der Mensch isst, weil dort das Rindfleisch ist: there is the beef – Burger King im Bahnhof!


Mit den beiden Bad Reichenhaller China-Restaurants ist kein Staat zu machen (und übrigens ebenso wenig mit demjenigen in Berchtesgaden gegenüber vom Bahnhof), doch wurden wir für unsere Leiden entschädigt durch das indische Restaurant in der Predigtstuhl-Passage in Bad Reichenhall, hinter der St.-Nikolaus-Kirche, das wir zwar schon früh entdeckt, aber leider erst spät besucht hatten.

Glück hatte ich in anderer Hinsicht, weil nämlich der Schutzpatron der Rupertus-Therme seine Hand über mich hielt, als ich meine Hose mit Geld und Schlüsseln in der Umkleidekabine vergessen hatte.
In diesem Bad gibt's zwar keine Wellen, dafür aber außer den in der Stadt vermissten freien Bergblicken vor allem sehr viel "Blubb" für's Geld. Zahlreiche Becken verschiedenster Wärme- und Salzgehaltsgrade mit mehr Sprudeln und Berieselungen, als die "Frühschicht" (Eintritt bis 11.00 h für 2 Std. 8,- €) nutzen konnte. So blieben für uns noch genügend Plätze auf Sprudelliegen und unter Rückenmassagestrahlen frei. Im Strömungskanal wurde es freilich doch etwas eng.

Was kann der Sigismund bloß dafür, dass er am Thum ist? Eigentlich war der mehrwöchige Urlaub, den Sigismund alias Sigmund Freud anno 1901 im "Seewirt" am Thumsee verbrachte, nur eine "Verlegenheitslösung", lese ich auf der Gedenktafel. Vermute mal, dass der Siggi halt ein süßer Kavalier war und deswegen dort geblieben ist, weil es seiner Frau und seinen sechs Kindern (letztere übrigens ein Beweis dafür, dass er bei seiner Ehefrau immer gern geseh'n war) dort so gut gefallen hat und er ihnen zuliebe am See sitzen blieb. (Ich meinerseits würde das, trotz schöner Landschaft und naher Burgruine Karlstein, wohl kaum länger als zwei Tage aushalten, obwohl es heutzutage Busverbindungen gibt und die Fahrten – ebenso wie in Garmisch-Partenkirchen - für Kurkarteninhaber gratis sind.). Sigmund Freud wollte angeblich auch Pilze suchen, aber wer die Psychoanalyse kennt weiß, dass der sich sowieso nur für das Myzel interessiert hätte. (Diese Interpretation als Rache eines kleinen Mannes dafür, dass er tiefenpsychologisch induzierte Schuldgefühle erdulden muss für sein Eingeständnis, auch das Seemösl besichtigt zu haben!)
Denkbar jedoch auch, dass Freud mehr an der Rolle der Pilze als Destruenten interessiert war. Irgendwie mag sich ja auch die Psychoanalyse aus dem Kompost der zerfallenden Donaumonarchie genährt haben.
Das Pilz-Myzel übrigens kann, Wikipedia sei für die Info gedankt, mehrere tausend Jahre alt werden. Was wiederum den Jung gewiss gefreut hätte.

Wo Freud' ist, ist auch Lieb' nicht weit, und so woben sich hier an jenem von subaquatischen Quellen gespeisten See zarte Bande zwischen Gastwirtssohn und Psychologentochter. Deren anschließenden Briefwechsel kann man heute nachlesen, sollte sich aber bei der Analyse der Liebestiefe und möglicher Ehewünsche bzw. -hindernisse nicht allein auf den Briefherausgeber Günter Gödde verlassen, sondern auch Bernd Nitzschkes Rezension zu Rate ziehen.

Im übrigen ist es natürlich kein Wunder, dass der See mesotroph wurde, nachdem er psychoanalysiert war. Auch ich würde misanthrop werden, wenn man mir so was antäte.
Also nichts wie weg hier, wo unter der Oberfläche verborgene Gefahren lauern, und ab nach


Berchtesgaden. Wussten Sie schon, dass man Trinkschokolade aus Kakaopulver und richtiger Milch zu bereiten kann? Dann wissen Sie mehr als die meisten Gast- und Caféwirte, welche nur ein Gesöff aus Pulver und Wasser aufmischen können.
Ganz anders aber im Café Lockstein, in herrlicher Aussichtslage über Berchtesgaden. Da gab es richtige Trinkschokolade, und herrlichen Kuchen. Das alles, trotz hervorragender Qualität und Lage, zu sehr moderaten Preisen – wofür wir dieses Café denn auch preisen (und den "Kronprinz" vergessen, wo der Kaffe so schmeckte, als sei er tatsächlich schon zu Zeiten des Kronprinzen gekocht worden).
Was schleppt man als Andenken aus Berchtesgaden heim? Selbstverständlich einen neuantiquarischen Reiseführer "Wien wirklich" aus dem Buchladen. Und dieses und jenes aus dem Dauer-Bücherflohmarkt der Stadtbücherei (bzw. eigentlich "Marktbücherei", denn die "Stadt" ist verwaltungsrechtlich nur eine "Marktgemeinde").


Man kann Bad Reichenhall nicht verlassen, ohne auf den Predigtstuhl zu gondeln (wo man übrigens auch preiswert und gut essen kann). Dort oben stellt sich bei mir nach dem "Schlendrian" der letzten Tage plötzlich wieder das Bergwandergefühl ein; der Schwung der Wanderstöcke reißt die Beine mit; ich fühle mich gehoben wie August von Goethe in Venedig. Man sieht: es muss nicht immer Italien sein.
Ist freilich auch kein Wunder, dass ich in der Bad Reichenhaller Gegend vor Kraft fast berste: hier hat's 'ne Menge Kraftorte!
Oben weite Blicke. In der Nähe Felsabstürze, die mich an Abbildungen aus den Dolomiten erinnern. Hier und da hat die Erosion spitze Kegel herausgearbeitet. "Bryce Canyon", ziehe ich meine fest akkreditierte Reisebegleiterin auf, die aus den USA stammt. Manche halbsäulenartigen Felsformationen erinnern an ehemalige Korallenriffe, wie sie (ausgeprägter) am Staffelberg bei Bad Staffelstein zu sehen sind.

Ein Spaziergang, der sich in den Abend hinein zieht, führt uns, induziert durch ein blaues "Wasser-Zeichen" im Stadtplan, leider nicht zum gesuchten Park und Teich, sondern nur an einen Lattenzaun. Irgendwo hat der Zahn der Zeit ein Stück herausgebrochen und eröffnet verlockende Einblicke in eine verwunschene Parklandschaft, schöner und begehrenswerter (wohl auch weil eingezäunt!), als Karlspark, Kurpark oder Kurgarten. An der Seite ist ein Gartentor spaltbreit geöffnet. Rein oder nicht rein?, das ist hier die Frage. "Privatgrund" steht auf einem Schild, nicht aber "Betreten verboten". Also rein – und wir stehen auf historischem Boden, dem Kraftort des Bades Reichenhall so zu sagen: wir haben den Park jener "Sole- und Molkekuranstalt Achselmannstein" betreten, mit deren Gründung 1846 die eigentliche Geschichte der Kur in Bad Reichenhall (nach einem "Vorspiel" im Schlösschen Kirchberg) begann. "Molkenkur" deshalb, weil unsere Ahnen in jenen schrecklichen Zeiten ante anno aspirinum Ziegenmolke trinken mussten, um gesund zu bleiben oder wieder zu genesen. Heute will man dort mit Achselhöhlen nichts mehr zu tun haben oder Legastheniker nicht vor den Kopf stoßen; jedenfalls heißt das Hotel nun "Axelmannstein" und gehört zur Steigenberger-Gruppe. Der herrlich nostalgische Park um den großen Weiher scheint heute seine Werbewirkung allenfalls noch als Sportplatz für Gymnastikübungen und als Bodenreserve für Tennisplätze zu entfalten; nur damit jedenfalls werben die daumennagelgroßen "thumbs" auf der Hotelseite "Sport und Aktiv". Ach nein: man kann sogar "Beauty und Wellness" darin tanken, indem man sich in Liegestühlen an den Teichrand – sprachlich natürlich zum "See" aufgewertet – legt oder darin schwimmt. Nur eins ist heute offenbar verpönt: sich promenierend und schauend darin zu erholen. Oder abends als Paar im Park romantisch zu flanieren. Ist auch besser so; dadurch konnten wir uns wenigstens ungestört und ungehindert dort bewegen und seine melancholische Abendschönheit voll genießen: altes Brückchen, Insel, bemooste Holzhütte. Ich könnte mir glatt die Naxos-CD "In memoriam" dazu auflegen – wenn ich diese und einen Discman dabei hätte. Wehmütige Herbstpracht des Fin de Siècle, und in den Bäumen singen Vogelchöre a Capella.

Indes, trotz rückwärtsgewandter Verzauberung: meine klassenproletarische Wachsamkeit ist ungebrochen. Am Brunnen (nicht vor dem Tore, sondern in der Mauer) sehe ich ein Relief von St. Georg, welcher wie üblich einen Drachen tötet. Zu Hoch-Zeiten des Klassenkampfes geschaffen, und für die Augen der Klassenfeinde meines Großvaters konzipiert: was oder wen konnte der Drache symbolisiert haben? Doch zweifellos nur einen Gewerkschafter, der Lohnerhöhungen forderte!


Der Zeitpunkt unserer Abreise ist noch immer nicht gekommen; auch wenn der oder die eine oder andere Leser(in) bereits die Geduld mit mir verloren haben mag.

Wir müssen zuvor noch Bayerisch Gmain beschauen um fest zu stellen, dass das Schönste daran der vielfältig profilierte Zwiebelturm der Wallfahrtskirche und die hochgelegene Burgruine von Großgmain sind.
Solches zu sagen, ist allerdings eine kleine Gmainheit von mir, weil nämlich Großgmain bereits in Österreich liegt und also touristische Konkurrenz von Bayerisch Gmain ist.
Es ist auch nicht die ganze Wahrheit, denn noch eindrucksvoller als diese Zeugen menschlichen Wirkens ist der Kamm des Lattengebirges, der sich vielfältig gezackt hoch über Bayerisch Gmain hinzieht und wo die "Schlafende Hexe" über den Häuptern der Menschen wacht, wo unheimliche Orte wie die "Steinerne Agnes" (das reellste Photo finde ich hier auf der Webseite einer Steuerkanzlei) oder gar das Teufelsloch die Phantasie der Menschen beschäftigen (welche, wenig überraschend, den Teufel und die Sennerin Agnes dadurch zusammen gebracht haben, dass der Teufel der Sennerin durch das Loch gefolgt ist).
Ach Siggi, was hätte aus dir werden können, wenn du deinen Urlaub in Bayerisch Gmain verbracht hättest, statt am Thumsee ...! Andererseits: wer, wenn nicht der Tomb-See hätte dich zu deinen Meditationen über "Eros und Thanatos" inspirieren können? (Es sei denn, du hättest Friedrich Schillers Gedanken über "Bruder Tod" und "Schwester Lüsternheit" gelesen, in seiner "Phantasie an Laura".

Ich hielt mich an die Kunst statt an Sagen (die ich zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht kannte). Im Dunst des Gegenlichts erschienen mir der zackig erodierte Gebirgskamm und die im Mittelgrund scheibenförmig wie Theaterkulissen absteigend herausgewitterte Reihung der Vorberge wie chinesische Landschaftsmalerei der dortigen Lößbergformationen, welche sogar die graphischen Darstellungen der Hausse- und Baisse-Verläufe des "Neuen Marktes" in seinen wildesten Zeiten übertreffen. (Speise ich zu oft im China-Restaurant oder habe ich zu viele Kursabstürze am Neuen Markt erlebt?)
Der Herbst meinte es gut mit uns und schenkte uns am letzten Aufenthaltstag einen Sonntag im wahrsten Sinne des Wortes.


Zur Heimreise am Montag verhöhnte uns das Wetter, indem es einen bekannten Spruch ein wenig variierte: "Wenn Engel abreisen ...".


* Nachtrag 01.11.2008:
Fritz Hofmann, dessen engagierter Vortrag mich wirklich begeistert hatte, ist am 12.10.2008 verstorben. Das Reichenhaller Tagblatt hat einen ausführlichen Nachruf in der Beilage "Heimatblätter" vom 18.10.2008 veröffentlicht. Er hat sich mir bei dieser einmaligen Begegnung eingeprägt; ich werde ihn nicht vergessen.


Nachtrag 04.04.2010:
Die Reichweite der "Tägs" ist leider eng begrenzt; wer unten den Täg "Thermalbaeder" anklickt, bekommt lediglich die neuesten Einträge zu sehen.
Aus diesem Grunde habe ich meine Thermen-Schilderungen (die allerdings nicht immer sehr detailliert sind, bzw. bei denen die Blotts nicht immer auf die Thermenbesuche fokussieren) in einem eigenen Blott "Thermenwelt: Thermen der Welt (well: meiner Welt, also Thermalbäder in Deutschland)" verlinkt.






P. S.
Da der Eintrag bei Entwürfen, die direkt über das Blogger Dashboard oder über das Word-Zusatzprogramm für "blogger.com" erstellt werden, wird anscheinend jeweils unter dem Datum publiziert, an welchem der Entwurf begonnen wurde. Als gut bürokratischer Pedant merke ich deshalb hier an, dass ich diesen Beitrag erstmalig am 13.10.05 eingestellt habe.


Textstand vom 04.04.2010. Auf meiner Webseite
http://www.beltwild.de/drusenreich_eins.htm
finden Sie eine Gesamtübersicht meiner Blog-Einträge.

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DIE GOETHES ALS BLOGGER
Klage des August von Goethe über mangelnden Feedback:

"Ich martere mich mit dem Tagebuche ab und höre keinen Widerhall."


Ratschlag des Johann Wolfgang von Goethe zum Bloggen:

"Den Menschen und den Sachen gerade in die Augen zu sehen und sich dabei auszusprechen wie einem eben zu Mute ist, dieses bleibt das Rechte; mehr soll und kann man nicht hun."


(Aus: August von Goethe: Auf einer Reise nach Süden. Tagebuch 1830.
Erstdruck nach den Handschriften. Herausgegeben von Andreas Beyer und Gabriele Radecke.
S. 82 bzw. 232.)

(Vgl. dazu auch Eintragung vom 03.09.05 "Der Wanderer - Zum Dritten!)

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